Römer 12, 19

In meinen Gedanken kreisen und jähren sich viele Erlebnisse. Ich entlasse einige:

Die Adventszeit ist magisch: die Jahresabschlussfeier ist „abgearbeitet“, der Dienstbetrieb wird, abgesehen von den „mach-mal-eben-Jobs“, dem „das-muss-noch-vor-Weihnachten-vom-Tisch“ und den „schnell-noch-eine-Statistik-für-den-Personalstabsoffizier-Nebentätigkeiten“, ein wenig entspannter. Hier und da duftet es sogar nach Weihnachtsplätzchen. In der Adventszeit geht es ums Warten, um die Vorfreude auf Weihnachten. Und auch um das Warten auf die letzte „Neuzuschleusung“ des Jahres. Die Versetzung neuer Soldatinnen und Soldaten, die ihre Grundausbildung abgeschlossen haben, in ihre neue sog. Stammeinheit.

19. Dezember. Alle sind da! Alle? Nein, es fehlt ein Kamerad aus der Freien und Hansestadt mit der berühmten Hauptkirche St. Michaelis, dem Michel.

„Na, dann können wir ja Schluss für dieses Jahr machen!“ Ein unbekümmerter „Chefvertreter“ verabschiedet sich und die Staffel aus dem allgemeinen Dienstgeschäft. Die vorweihnachtliche Liegenschaft „gehört” plötzlich mir. – „Ach ja, der B. fehlt ja noch, aber Sie machen das schon. Fröhliche Weihnachten!“

B. ist nicht der Erste und für mich ist es auch nicht das erste Mal, dass sich ein junger Soldat auf dem Weg zu uns „verirrt“. Ich eröffne den vorweihnachtlichten „Fahndungsreigen“. Erst einmal unter dem Aspekt: Schutz einer vermissten Person. – „Hoffentlich ist ihm nichts passiert.“

Schnell komme ich zu der Erkenntnis, dass ich B. unter normalen Umständen in diesem Jahr nicht mehr zu sehen bekomme. Er wurde nämlich gar nicht aus seiner Grundausbildungseinheit „abgeschleust“, d.h. ordnungsgemäß in Marsch gesetzt. Wie auch? Er fehlt dort seit mehreren Tagen. Ist nur keinem aufgefallen! Oder wollte es niemandem so kurz vor Weihnachten noch auffallen?

Ich nehme Verbindung zu mehreren Polizeikommissariaten auf und werde fündig: B. sitzt z. Zt. ein. Gewerbsmäßige Förderung der Prostitution. Er sei noch kein „schwerer Junge“, brauche aber lt. Staatsanwaltschaft nun doch einmal ein „tiefgehendes und hoffentlich heilsames Erlebnis“. Sein voraussichtlicher Erlebnis-Entlassungstermin: 6. Januar.

Irgendwann steht er, weit nach dem besagtem 6. Januar, vor mir. Eigentlich ein netter Kerl. – „Hätte nie gedacht, dass …“ – So kann man sich täuschen. Nützt alles nichts, ein stählern durchgreifender nächsthöherer Disziplinarvorgesetzter urteilt: “Wer eigenmächtig seine Truppe oder Dienststelle verlässt oder ihr fernbleibt und vorsätzlich oder fahrlässig länger als drei volle Kalendertage abwesend ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft.” (Auszug: §15 Wehrstrafgesetz (WStG) Eigenmächtige Abwesenheit.) B. geht für sieben Tage in den Arrest. Ohne Teilnahme am täglichen Dienstbetrieb. Höchststrafe. Wer den Vollzug in der Bundeswehr kennt, weiß warum.

Ich fasse mich „in Sachen B.“ kurz: er kann aus seinen „tiefgreifenden und heilsamen Erlebnissen“ leider nichts lernen. Die Befähigung seiner Lernbereitschaft tendiert in Richtung beklagenswert und unentwickelt. Im Laufe seiner damals 9monatigen Wehrpflicht „fährt er wiederholt ein“. Irgendwann droht auch meine Geduld zu schwächeln und ich besuche ihn nicht mehr regelmäßig in der Arrestzelle.

Niemand hatte sich bis dato überhaupt um B. gekümmert, was keinen kümmerte. Ich kümmere mich nun vorerst auch nicht mehr intensiv um ihn. B. beschwert sich, bekommt recht und ich einen Termin beim nächsthöheren Vorgesetzen. – „Es braust ein Ruf wie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und Wogenprall.“ – Ich bekomme einen dröhnenden Vortrag über die „Pflichten des Vorgesetzten“ und bin dennoch nicht betrübt, als ich „den Herrn da oben“ verlasse.

Neben Neapel erhebt sich der Vesuv, einer der gefährlichsten Vulkane der Welt. Die Neapolitaner leben damit. Ich diene unter einem womöglich gefühlsmäßig leidenden Menschen, dessen Wahrnehmung und Urteilskraft im Laufe der Zeit und unter der geregelten Einwirkung „spiritualistischer Destillate“ gelitten haben mag.

Es wird im Laufe der Zeit nicht leichter. Gestandene Dienstgrade werden für Lappalien von ihm coram publico „runtergemacht“. Es bereitet ihm Freude, besonders vor jungen Offizieranwärtern, “alte Hasen”, die mehr als einmal durch ihren selbstlosen und unermüdlichen Einsatz für den Verband zu besten Nato-Überprüfungsergebnissen beitrugen, boshaft und zynisch vorzuführen. Seine Verabschiedungsreden versprühen unverschämteste Spitzfindigkeiten, offenkundigen Spott und Hochmut. Ich bin oft anwesend, schäme mich zutiefst für seine Worte und irgendwann bin ich an dem Punkt, da ich mich bei den Kameraden entschuldige. Ich entschuldige mich für meine Anwesenheit während dieser unehrenhaften und unanständigen Reden dieses Menschen! Heute denke ich, erste Symptome eines Überlegenheitskomplexes bei ihm erkannt zu haben. Unter seiner Donnerhall & Schwertgeklirr-Führung wird es immer unangenehmer. Nein, entsetzlich unangenehmer! Seine überzogene Ausübung von Autorität und Macht entbehrt jeglicher Objektivität und Anstand.

„Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.“ (Albert Schweitzer) – Das einzig Wichtige ist dann der Tag, an dem er geht. Seine Spuren würde ich gern verwischen und “seine Liebe” werden wir lange und erfolglos suchen. Wir „feiern“ seinen Abschied am 11. September. Auch ich bin bester Stimmung. Erleichtert, dass er geht. Ich werde bestimmt nicht “Auf Wiedersehen” sagen. – Und keiner ahnt etwas von dem arglistigsten und menschenverachtensten Verbrechen, das die Welt noch heute erschüttern wird.

Ein junger Offizier schaltet plötzlich in einem Nebenraum das Fernsehgerät ein. Die Bilder zeigen immer wieder den United-Airlines-Flug Nr. 175 und wie der Jet des Typs Boeing 767 in den Südturm des World Trade Centers in New York gelenkt wird. Grenzenloses Entsetzen. Fassungslosigkeit. Mann und Frau halten sich vor Schreck die Hände vor den Mund. Totenstille. – Dann steht er lärmend und schwankend in der Tür. Ich werde seine charakterlos gelallten Worte niemals vergessen, aber erspare sie uns jetzt. Unbeeindruckt und teilnahmslos ruft er selbstherrlich nach seinem ebenfalls stark bezechten Famulus. Beide torkeln an die Bar.

Ich zweifle augenblicklich an den Worten des österreichischen Arztes und Begründers der Individualpsychologie Alfred Adler (1870-1937): „Der Mensch ist von Natur aus nicht böse. Was auch ein Mensch an Verfehlungen begangen haben mag, verführt durch seine irrtümliche Meinung vom Leben, es braucht ihn nicht zu bedrücken; er kann sich ändern. Er ist frei, glücklich zu sein und andere zu erfreuen.“

Ich kann es nicht wissen, dass dieser rohe Vorgesetzte schon bald seinen Meister finden wird. Einen Meister, der ihm beherzt entgegen und kräftig auf die Füße tritt, der ihn konsequent zur Verantwortung zieht. – “Keine Schuld ist dringender, als die, Dank zu sagen.” (Marcus Tullius Cicero)

„Rächet euch selber nicht, meine Liebsten, sondern gebet Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.““ (Römer 12, 19)

3 Gedanken zu „Römer 12, 19“

  1. Hallo Ronald,

    späte Selbsttherapie?

    Lebt der hochgeachtete OFFIZIER!?? noch ?
    Wenn ja und noch bei Verstand könnte er Dir juristisch in den selbigen treten

    allerbeste Wünsche und Grüße
    Wolfgang

    1. Hallo Wolfgang,

      macht überhaupt nichts! Dann müsste ich mich, wie im blog geschehen, nicht nur auf die “Spitze des Eisberges” konzentrieren und könnte so richtig ausholen. Doch wie Du sicherlich bemerkt hast, ich habe seinen und so manch anderen Namen schlichtweg “vergessen”.

      Komm´ schnell wieder auf die Beine, mein Lieber!
      Ronald

  2. Hallo Ronald,
    ist denn der Despot mit seiner Entlassung nicht schon gestorben?
    Man sollte Versagern keine Plattform bieten.
    Erst recht Jahre später, in ihrer “Welt des Siechtum” gefangen, ist jede Erwähnung ihrer Arroganz wahrscheinlich ein Lichtblick.
    Entlasse ihn aus deinem Kopf. Er ist es nicht wert mietfrei zu wohnen 😉
    Weihnachtliche Grüße Thomas

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