Nikolaus. 2./Flugabwehrraketenbataillon 26 NIKE. Rodenkirchen

Irgendwann zum Jahresende im Ausklang der 1980er Jahre trat die “Mutter der Batterie” (Innendienstbearbeiter B und Kompaniefeldwebel HptFw Roland A.) an mich heran. Gesucht wurde ein Nikolaus. Lage, Auftrag und Durchführung waren asap (as soon as possible (schnellstmöglich)) erklärt und verinnerlicht und bevor ich mich versah, trug ich das „Kostüm, Jahresausklang, Bartträger, rot-weiß, kunstpelzbesetzt, 5-teilig, allgemein passend, nicht schwimmfähig“.

Standesgemäß reiste ich als „Abt aus dem Kloster von Sion“ an. In der Kutsche inkl. Kleinpferd und Kutscher aus dem Ponyhof Alse an der Braker Straße/Alser Hellmer umrundete ich glockeschwingend und -läutend das Wirtschaftsgebäude an der (damaligen) Molkereistraße 21. Schnell erblickte ich die “höchstens” sechs bis acht Kinder, wie sie mir „Spieß“ Roland angekündigt hatte.

In seiner sittsam-bescheidenen Art hatte er mir allerdings die zusätzlichen 25 Kinder, die sich himmelhochjauchzend und mit roten Wangen ihre kleinen Nasen an den beschlagenen Fenstern des Unteroffierspeisesaales plattdrückten, verheimlicht. Ich wähnte mich bis dahin gut vorbereitet. Hatte ich doch im Vorfeld mit einigen Elternpaaren, es waren tatsächlich dieser nicht mehr als sechs gewesen, Details über die „Großtaten und Späße“ der Kleinen aus dem ausklingenden Jahr besprochen. Ich war angesichts der “höchstens sechs bis acht Kinder” ein wenig überrascht. Aber wir alle wissen: Es gab und gibt nichts, was Nikies nicht irgendwie schaffen.

Keiner hatte mich darauf vorbereitet, dass wir samt Kutsche und Pony das Wirtschaftsgebäude erobern werden. In akkurater Millimeterarbeit bugsierte uns der Kutscher durch die doppelten Schwingtüren des Wirtschaftsgebäudes. Er beruhigte erst den Nikolaus, dann den „Mustang“ als dieser auf dem ebenso glänzenden wie glatten Boden, trotz ausgelegter Gummimatten, ins Schlingern zu geraten drohte und parkte die Kutsche inmitten einer beeindruckt-aufgeregten Kinderschar direkt im Speisesaal. – Ich atmete erleichtert durch und auf.

Eh ich mich versah, stellten sich die Kinder in Reih´ und Glied vor der Kutsche auf. Das Pony wurde ausgespannt, ich kramte ein altes Wachmeldebuch unter der Bank hervor. Los ging´s. Gedichte wurden aufgesagt, Weihnachtslieder angestimmt. Ich hatte mit den „sechs Elternpaaren der ca. 34 Kinder“ zuvor abgesprochen, dass sich die Eltern des jeweiligen Kindes, das sich zu mir in die Kutsche setzte, durch leichtes Kopfnicken bemerkbar machten. So konnte ich die Seite mit dem jeweiligen persönlichen und durchweg sehr liebevoll verfassten Spickzettel über die Husarenstücke, „Heldentaten“, Mutproben, Wagnisse und Streiche der Kleinen aufschlagen.

Freude, Verblüffung und Überraschung bis hin zur Sprachlosigkeit stand den Kindern ins Gesicht geschrieben. „Woher weiß er, dass ich nicht gern mit dem Füller schreibe/den Sessel mit einer Kerze fast abgebrannt habe/den Teppich mit Schuhcreme verschönert habe?” – “Gibt es diesen „Wälzer unserer Sünden und Wohltaten“ tatsächlich?“

Dann wurde ich Ohrenzeuge eines Dialogs, bei dem ich mir das Lachen kaum verkneifen konnte. Ich muss dazu folgendes erklären: Ich trug zu dieser Zeit einen dunklen Vollbart. Damit dieser den weißen Bart des Nikolauses nicht „überschattete“, hatte mir die Kantinenwirtin Irmgard Sch. kurzerhand Weihnachts-Schneespray, also künstlichen Sofortschnee, „zu Tarnzwecken“ überlassen. Perfekt für die Erstellung von Schneeeffekt-Mustern auf Fenstern und Glastüren, eignete sich dieser Schnee (fast) vorzüglich zur Kaschierung meines dunklen Bartes. Aber, eben nur fast. Ein hartnäckiger Wirbel ließ sich nicht verbergen. Dies bemerkte eines der Kinder. Es ergab sich folgendes Gespräch: 1. Kind: „Du, der Nikolaus hat gar keinen weißen Bart.“ 2. Kind: „Was? Ehrlich?“ – „Ja, sieh mal genau hin!“ – „Tatsächlich!“ – „Aber nix verraten! Sonst gibt es keine Geschenke!“

Es gab sie doch und ich habe sie an diesem Tag sehr gern verteilt.