Im Emstal

Sommer 2018. Wochenlang regnet es nicht. Klarer Fall: Klimawandel. Hätte es wochenlang geregnet, logische Folgerung: Klimawandel. Und so kommt es schließlich auch zu einem Klimawandel im Big B.: 17.59 Uhr. Bernsteinfarbene münsterländische Augen blicken mich an und sagen mir: „Fütterung des Raubtieres. Sofort!“. Luna wünscht zu dinieren. Und weil wir mal wieder auf Achse sind und es ein besonderer Tag ist, kommt auch etwas Besonderes in den Napf: „Küstenmix“, den ich, wie viele andere tierische Spezialitäten, selbst zubereite. Lachs in Hülle und Fülle und so einige geheimnisvolle Zutaten. Käuflich zu erwerben bei Pfotenfutter & Krallenkrams in der Königstraße 27a in 26215 Wiefelstede. – Neiderfüllt würde sich Käpt´n Iglo, der Hamburger Schlemmerfilet-Kapitän a la Bordelaise, hinter einem der fünf Klüversegel seines fernsehwerbenden Vollschiffes verstecken.

Ebbe in der Ems. Klarer Fall: Klimawandel!

Als das Schüsseltreiben beginnt, beginnt es auch zu regnen, d.h. es schüttet. Wer lässt seinen Hund im strömenden Regen, es sei denn es handelt sich um eine Seehund, fressen? Keiner! Also, den Napf und den Hund in den Caravan verfrachtet und schon verbreitet sich dieser dem Meer entrissene, maritime Hauch eines Fischereihafens samt Fang im Big B., setzt sich in Luna nassem Fell und meiner ebenfalls durchnässten Bekleidung fest, verharrt unerwünscht und ebenso unbeirrt-hartnäckig und bleibt uns damit ausdauernd erhalten. – Wenn das kein Klimawandel ist.

Landschaftsfenster

Doch von Anfang an: 125. Schützenfest in Wiefelstede. Jubel, Trubel, Heiterkeit. Die beste Ehefrau von allen gewährt dem Frollein und mir Wochenendurlaub, den wir unvermittelt und beschleunigt antreten.

In bestimmten Situationen ist es für die schwimmmenden AnwohnerInnen des Dortmund-Ems-Kanals sehr ratsam, die Kanalmitte oder gleich das gegenüberliegende Ufer aufzusuchen …

Längst sind wir uns einig, dass wir dem Emstal mal wieder einen Besuch abstatten müssen. Gedacht, getan. Um 11.10 Uhr erreichen wir das Zweistromland zwischen Dortmund-Ems-Kanal und Ems. Ruckzuck ist die Wohnanlage abgestellt, aus- und eingerichtet und wir auf dem Weg entlang der Ems und dem Kanal in Richtung Düther Schleuse. – Es wurde auch wieder einmal Zeit!

Kaum aus dem Kanal, muss sie sich neuen Herausforderungen stellen. Ein Hundeleben!

Nach einer nicht enden wollenden Brut- und Setzzeit und der Hitze des Frolleins heißt es für sie nun immer wieder: „Leine los!“. – Platsch, Luna geht zu Wasser, Graugänse stoben aus der Uferböschung, einige Enten ziehen es jetzt vor, die Mitte des Kanals nicht zu verlassen und Luna setzt derweil 100 Meter weiter erneut zum Sprung an, um dieses Schauspiel mit neuen, gefiederten Kleindarstellern zu wiederholen. Spannung liegt in der Luft und gespannt rudernde Schwimmhäute signalisieren „Hochdruck ohne Ende“. – Nein, sie wildert nicht! Sie sorgt gern und ausdauend für Bewegung und Unterhaltung bei den gefiederten Freunden.

“Geh´ hin wann immer Du willst, es sieht stets anders aus!”

Irgendwann ist es da, dieses Geräusch als würde jemand unter dem Bett Punktschweißen. Es lässt sich anfangs nicht lokalisieren und dann auch nicht beheben. Jedes Wackeln an Kabeln, das Ziehen aller möglichen Stecker, die Kontrolle der Sicherungen, der Austausch von Stromversorgungskabeln: Sinn- und zwecklos. Das Geräusch bleibt und verstärkt sich mehr und mehr und schließlich wird der Urheber erkannt. Also, den Dometic Perfectcharge IU812 vom Netz genommen, den Caravanhändler des Vertrauens anrufen und einen Termin für den kommenden Montag vereinbaren. Zum Glück sind die Akkus randvoll geladen, wir müssen uns also keine energiegeladenen Sorgen machen. Nach der defekten Lüftereinheit des Antaras, der kaputten Waschmaschine endlich wieder etwas Abwechslung und Kurzweil im dynamischen Alltag der Camper. – Die moderne Switch-Mode-Technik des IU812 sorgt für einen hohen Wirkungsgrad. Ich denke heute mehr an einen „Währungsgrad“ jenseits der 100-Euro-Marke.

Da ist man mal ein paar Wochen nicht da und schon mähen sie am Dortmund-Ems-Kanal nicht 😉

Mein erster Lenz, den ich in den 1970er Jahren las, war „Es waren Habichte in der Luft“. Ausgeliehen im literarischen Gedränge in der Stadtbücherei Nordenham, die sich seinerzeit noch in den Räumen der Pestalozzischule befand. Die damalige Bibliothekarin, Frau O., legte ihn mir, dem mittellosen Schüler, entgegenkommend zurück. Was ich anfangs der 70er nicht wusste: Frau O. wurde später meine Schwiegermutter und „Es waren Habichte in der Luft“ (Siegfried Lenz, 1951, Hoffmann und Campe, Hamburg) halte ich heute als Erstausgabe in der Hand.

Die Ems

Roskow, Stenka, Erkki, die Witwe, der Graue, Manja, Leo, Aati, Petrucha, die Mönche auf der Insel, plötzlich sind sie alle wieder präsent. (Anm.: Sie alle sind Personen aus dem Roman “Es waren Habichte in der Luft”.) Ich erinnere mich augenblicklich an mein Referat über Siegfried Lenz und seine Werke. 20 Minuten sollten es werden. Ich brauchte die komplette Unterrichtsstunde (45 Minuten) inklusive der großen Pause (20 Minuten) und erhielt, dessen ungeachtet, die dauernde Aufmerksamkeit und später auch den Beifall meiner MitschülerInnen.

Und selbst heute verstehe ich es nicht, warum gerade der bequemste und unwirksamste germanistische Pädagoge meiner Schule seinerzeit den Schriftsteller Siegfried Lenz, nach seiner Vorlesung vor der Goethegesellschaft, zurück nach Hamburg chauffieren durfte. – Jeder, aber nicht er!

Die Brinkstraße windet sich gen Sustrum

Sonntag. 03.00 Uhr. Der Sustrumer Big Ben läutet nicht nur zur vollen, nein, auch zur halben Stunde. Und heute Nacht denke ich, er steht direkt neben meinem Bett. Die Wetterlage, bestimmt liegt es am Klimawandel, täuscht manchmal gern Ohr und Geist. Es fällt mir nicht leicht, wieder einzuschlafen: die „Habichte“ lassen mich nicht ruhen. Zwar kenne ich den Roman seit Jahren, aber in Gedanken suche ich nach weiteren darin verborgenen, nicht ausgesprochenen, persönlichen Bindungen und Beziehungen der Romanfiguren untereinander. Es dauert lange, bis ich mich davon lösen kann und wieder einschlafe.

So weit weg und doch manchmal ganz nah: der Sustrumer Glockenturm

Was für ein Traum! Wäre ich nur bei meinen Überlegungen zum Roman geblieben. Luna scheint dies bemerkt zu haben und sitzt bereits, fertig zum Aufbruch, vor meinem Bett. Es ist 06.15 Uhr. Es ist Sonntag, da geht man schon einmal im Frühtau zur Ems.

Sonnenaufgang über einem Maisfeld an der Brinkstraße bei Sustrum

Auch wenn dieser Sonntag für uns sehr früh begann, endet auch er nach 24 Stunden. Wir haben unsere Siebensachen bereits ge- und verpackt und werden morgen nach Papenburg aufbrechen, um dem Störenfried (Ladegerät) unter dem Bett “auf den Zahn fühlen zu lassen”. Und dann, ja, dann stürzen wir uns in eine neue Woche. – Und auch in dieser werden wir es für ein paar Augenblicke Sonntag sein lassen!