Die Entdeckung der Gelassenheit

Die beste aller Ehefrauen und das Frollein gehen zur Ladies´ Night. Big B. und ich fahren nach Papenburg für einen Service Stopp beim Fendt-Händler unseres Vertrauens. Und wenn man schon mal in der Gegend ist, darf der Besuch im Emstal nicht ausgelassen werden.

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Vor Anker im Emstal. Mal wieder und bestimmt nicht das letzte Mal

Nach dem obligatorischen Einkauf im Walchumer NP Markt und in der Bäckereifiliale Ganseforth, “ein Dinkelvollkornbrot, bitte”, stehen der Große und ich um 12.45 Uhr fix und fertig aufgetakelt auf unserem Platz im “Zweistromland”.

Die Sonne, dieses helle Licht am Himmel, das wir in diesem Sommer so selten zu Gesicht bekamen, strahlt wie ein Honigkuchenpferd. An der ausgefahrenen Markise hängt seitlich der Thule Sun Blocker, ich sitze im Schatten und lasse es mir bei einem Paar Landjägern gut und inkl. einer Ganseforthschen Laugenstange sogar sehr gut gehen.

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Ein Blick auf die Sustrumer Brinkstraße aus ungewohnter Richtung

Am späten Nachmittag mache ich mich auf den Weg, in der Absicht den nahegelegenen Seitenarm der Ems ein wenig “ins Objektiv zu nehmen”. Daraus wird nichts, weil ich mich durch einen Wildwechsel ablenken lasse und plötzlich an der Düther Schleuse wieder in der Zivilisation ankomme.

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„Seine Ähren senkt das Korn / Rote Beere schwillt am Dorn“ (Theodor Storm)

Meine Beine haben ein wenig unter den Brombeersträuchern, die sich mir dornig und zornig in den Weg legten, gelitten, aber ich bin ja kein Modell für Herrensocken. Hauptsache, die Fotos sind etwas geworden!

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Zurück in der Zivilisation. Fresenburger Graben

Am Abend bekomme ich royalen Besuch. Das König der Biere und ich sitzen unter der Markise und hören “Unheilig”. Ein laues Lüftchen “schlendert” durch das Emstal, das Premium Pilsener von höchster Qualität schmeckt. Es beginnt zu regnen. Ein leichter Regen. Bis 21.50 Uhr ist alles “in Butter”: ohne die geringste Vorankündigung bricht plötzlich eine Stütze der Markise. Zeitgleich saust diese gen Boden. Dabei bricht natürlich auch noch ein Gelenkarm aus seiner Verankerung und ich stehe fassungslos daneben. Nein, eher darunter. Keine Chance auch nur irgendetwas zu retten. Und nun? Schock bekämpfen, Schaden umgehend begrenzen, noch ein Bier trinken und schlafen. Ja, wenn das so einfach wäre. Ich bin so geladen, ich könnte mit bloßen Händen Telefonrechnungen zerreissen.

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Erste Hilfe für “flügellahme” Markisen

Am anderen Morgen helfen mir freundliche Nachbarn, die Markise zu bergen. Allein war dies am Abend nicht mehr möglich. Wohin werde ich wohl am Montag fahren? – Richtig!

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Guter Rat ist teuer …

Trotz allem schmeckt mir das Frühstück. Später setze ich mich auf´s Rad und fahre über Düthe nach Steinbild und Walchum. Ich habe die Kamera dabei, mache aber nicht eine Aufnahme, da ich meinen ganzen Frust über die Pedale ins Fahrrad strample.

13.00 Uhr. Ich hole den versäumten Schlaf der vergangenen Nacht nach und brauche Nervennahrung: Langnese Magnum Double Caramel. Wenn schon Kalorien, dann richtig! Ja, und für ein weiteres Magnum Mandel ist auch noch Platz im Tiefkühlfach. Man weiß ja nie!

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Erster Schritt zur Entdeckung der Gelassenheit

Bin ich am frühen Nachmittag noch dem Schatten hinterher gewandert, so ist dies ab 16.30 Uhr nicht mehr erforderlich, da sich Big B. der Sonne in den Weg stellt. Eine Markise müsste man haben. Also, eine funktionierende, keine flügellahme.

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Zweiter Schritt zur Entdeckung der Gelassenheit

Big B. ist ein Bianco Selection. Und nun bekomme ich den 2017er Fendt Katalog in die Hand und muss feststellen, dass B.B. plötzlich ein Bianco Activ ist, denn der 495 SFE ist als Selection nicht mehr im Programm gelistet. Das neuere Modell verfügt u.a. über höhere Betten. Na und? Wir schlafen weiterhin “tief” und fest im Big B. Er ist und bleibt ein Selection, unsere erste Wahl, da können sich die Damen und Herren in Mertingen noch so viele bauliche Schnörkel und werbende Wortspielereien einfallen lassen. Schneeweiße Tisch- und Arbeitsflächen und ein kleinerer Schrank über der Querküche. Wer´s mag. Ein Anruf und ich hätte ihnen geholfen, aber mich hat ja mal wieder keiner gefragt.

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“Fremdkörper” in der Pokemon-Arena

21.00 Uhr. Ich habe für heute die letzte Fotorunde gedreht. Auf der Ems habe ich einen Schwan “eingefangen”, die Brücke über die Ems zum gefühlten 100. Male fotografiert und Rundballen auf den angrenzenden Feldern für die Nachwelt erhalten. Könnte ja durchaus geschehen, dass ein Mitglied der “Kopf-runter-Generation” wegen eines erschöpften Akkus des Smartphones Langeweile bekommt und fragt: “Was sind das eigentlich für komische runde Dinger auf diesen Feldern auf denen nichts wächst und die doch eigentlich eine Pokemon-Arena sind?” Liebe Eltern, ich habe nicht nur eine Erklärung. Ich habe auch die Bilder.

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Der Schwan. Das christliche Symbol für den Reformator Martin Luther

Unterwegs werde ich mehrmals darauf angesprochen, wo denn das Frollein sei. “Ladies´ Night”. Und so sitzen die “Majestät” (das König der Biere) und ich allein unter den Lesespots im Big B. Unter der Markise ist es ja aus bekannten Gründen nicht möglich. – Ja, da bin ich noch nicht drüber hinweg.

Ich lenke mich beim Abwasch ab. Sagenhaft, was da an einem Tag zusammenkommt. Ein Topf, zwei Kaffee-, ein Eierbecher, ein Eß- und ein Eierlöffel, zwei Messer, eine Gabel, ein Glas, zwei Teller, die Melitta-Aromaboy-Kaffeekanne mit einem Fassungsvermögen von zwei Tassen. Ich halte sie stets besonders gut fest, denn ich habe Angst, dass sie durch den Abfluss der Spüle verschwinden könnte. Ein “Ingrid-Glas” mit Goldrand. Letzteres Objekt wird die beste aller Ehefrauen zur Verzweiflung treiben, ist es doch ein etwas mehr als 2cl fassendes Behältnis in dem sich St. Hubertus, der alte Waidgeselle, so wohl fühlt. Naja, ich werde es ihr einfach nicht sagen. – Ich brauche es auch nicht, sie ahnt es ohnehin.

02.40 Uhr. Ich schrecke auf. Im Traum ist mir die Thule Omnistor 5200 ins Bett gefallen. Die Markise verfolgt mich. Hat mich der Gedanke an das Malheur schon den ganzen Tag begleitet, so habe ich sie jetzt auch noch im Bett und komme nicht mehr in den Schlaf. Inzwischen habe ich, der nicht die geringste Ahnung von diesem technischen Wunderwerk hat, die Markise gedanklich drei, vier, fünf Mal repariert. Und nicht genug: denke ich nicht an die Omnistor, häufen sich vor meinem geistigen und verschlafenem Auge Unmengen defekter, funktionsuntüchtiger oder komplett zerstörter Campingartikel. Die Palette reicht vom Abwassertank bis hin zum 10 l Wasserboiler mit Mischbatterie. Ich brauche Luft. Ich muss raus. Wieder einmal stehe ich vor Big B. und betrachte den Sustrumer Sternenhimmel. Der große Wagen steht fast über mir und ein leicht abnehmender Mond beleuchtet das Emstal. Aus östlicher Richtung bahnt sich das bereits schwache, aber dumpfe Dröhnen irgendeiner “Happy-People-Having-A-Party-Musik” über die Mais- und Stoppelfelder den Weg ins Zweistromland. Sie ist so leise, dass nur “traumatisierte Markisenmonteure” sie hören können. Dies aber bis 05.30 Uhr.

05.00 Uhr läutet die Sustrumer Kirchturmglocke. Ich liege längst wieder in den Federn, habe alle Arbeitsaufträge der sich imaginär im Bianco stapelnden defekten Camping- und Freizeitartikel abgearbeitet und würde gern schlafen. – Summt da nicht eine Mücke?

07.35 Uhr. Ein Diesel dieselt über den Platz. Ich würde, wäre es nicht eine der abscheulichsten mittelalterlichen Hinrichtungsarten gewesen, sagen: “Ich fühle mich wie gerädert!”

Was soll´s die Nacht ist ohnehin gelaufen. Ich schleppe mich ins Sanitärgebäude. Nebenbei kontrolliere ich die Markisen links und rechts des Weges auf optische Mängel, verschwinde unter der Dusche und fühle mich auch danach keinen Deut wohler.

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Die Ems … dritter Schritt zur Entdeckung der Gelassenheit

Frühstück. Ich blicke zum Himmel: im Westen nichts Neues. Im Osten Regenwolken. So, jetzt erst recht. Kurze Hose an, das kurzärmelige Hemd her, die Sony um den Hals gehängt, die Füße in die Lowa-Stiefel und weg.

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Amisia (Ems) nannten sie “die ollen Römer”

Sie und Er sind sperlingsgroß, “tragen” kobaltblau und türkis, orange und weiß und haben einen langen, spitzen, grauschwarzen Schnabel. Natürlich: Alcedo atthis, der Eisvogel. Ich entdecke ihn mehrmals an der “alten Ems”, aber Alcedo ist so schnell und zu weit entfernt, dass ich ihn fotografisch “fangen” könnte. – Ok, dann fotografiere ich eben das Gefleckte Knabenkraut.

12.30 Uhr. Es beginnt ganz verhalten, still und leise zu nieseln. So heimlich wie es beginnt, hört es auch wieder auf. Der Mini-Back-/Umluftofen heizt vor, die bayrischen Brezn liegen zum Aufbacken bereit und ich wäre nicht ich, würde nun nicht wieder etwas ganz Einzigartiges, außergewöhnlich Besonderes geschehen. Ich verzichte auf eine nähere Schilderung. Ich mach´ mich ja langsam zum Deppen.

Mit dem Rad fahre ich nach Walchum zum Oldtimertreffen. Na, wäre ja schön, einige 1957er Jahrgänge zu treffen. Die sind auch vertreten. Sogar viel ältere. Allerdings Trecker. Als ich eintreffe, höre ich gerade noch über die Lautsprecheranlage: “Vielen Dank für Euren Besuch. Kommt gut nach Haus und bis zum nächsten Mal.” Ja, es war schön, mal etwas anderes, ein wenig Abwechslung.

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Sieltief Sustrum 2

Morgen geht´s nach Papenburg in die Siemensstraße 26-30. Ich werde Herrn Schöler detailliert von meinem Markisenerlebnis berichten, die Markise dort lassen, ins Ammerland zurückkehren, geduldig die Information der abgeschlossenen Reparatur (ca. 4-5 Wochen) abwarten, nach Papenburg fahren, die Markise an den Big B. „flanschen“ und ab ins Emstal. Familie Sandker ist vorgewarnt und die Eisvogel Start- und Landeplätze sind gespeichert. Na, dann kann ja nichts mehr schief gehen. – Wirklich nicht? “Lass´ Dich überraschen, schnell kann es geschehen …” (Rudi Carrell, eigentlich: Rudolf Wijbrand Kesselaar (1934 – 2006))

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Ich werd´ mir Mühe geben, sie zu finden

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