Archiv der Kategorie: Auf Achse mit dem Fluchtfahrzeug

Mit dem Wohnwagen unterwegs. Unserem ersten “Flying Dutchman” (Home Car Racer 39) folgte “Big Bianco (Big B.)”, ein Fendt Bianco Selection 495 SFE

Man reist ja nicht um anzukommen

Braucht der Camper einen Campingführer, einen Begleiter in die abwechslungsreichen und beliebten Urlaubsregionen? – “Jein!” – Wir nutzen unsere Begleiter und landen in Sachsen-Anhalt. 960.000 qm Camping am See. Ein langgestrecktes Wiesengelände am Barleber See und dem Mittellandkanal. Unparzellierte Touristenplätze. 200 an der Zahl und 630(!) Dauercamper. Wir wollen es so.

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Ein “hermetisch abriegelndes Befestigungssystem” hindert den hundehaltenden Camper am Besuch des Campinggeländes und der beiden Seen.

Es gibt einen separaten Platz für campierende Hundehalter. 12 Km vom Magdeburger Zentrum entfernt, haben wir den Fliegenden Holländer im “Streichelzoo” vor Anker gelegt. Ein hüfthoher Zaun trennt uns von der Außenwelt. “Füttern verboten!” Dieses Schild finde ich zwar nicht, fühle mich aber wie ein Exot unter all den “normalen” Zugvögeln ohne tierische Begleitung. Für uns gibt es sogar einen abseits gelegenen Nebeneingang. Den Platz dürfen wir mit dem Frollein nicht betreten. (Erzähl´ mir noch einer, dass von den 630 Dauercampern niemand einen Hund hält!)

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Ein wertvoller Tipp unseres Wohnwagennachbarn: Schiffshebewerk Rothensee.

Im “Hochsicherheitstrakt für Hundehalter” quietscht ein wohlgenährter niederländischer Jack Russel seinen Spielball zu Tode. Und uns an den Rand des Wahnsinns. Unsere Heidewachtel würde diesem Treiben gern und konsequent ein Ende bereiten. Unsere sofortige Unterstützung hätte sie, aber wir sind Europa! Wir sind tolerant. Wir haben Nerven wie Drahtseile. Manchmal. Es gibt sie, manchmal dauert es ein Weilchen, aber dann tritt sie in Erscheinung: die göttliche Gnade. Der Herr hat ein Einsehen und schickt unsere nordischen Nachbarn in ihr Wohnmobil. Hoffentlich finden sie ein interessantes Fernsehprogramm und bald einen frühen, langen und erholsamen Schlaf.

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Ein weiterer wertvoller Tipp unseres Wohnwagennachbarn: Wasserstraßenkreuz Magdeburg.

So, reden wir vom Wetter. Die Sonne scheint. Es windet, doch wir bleiben trocken. Selbst beim vor Anker gehen bleiben wir trocken, denn wir waren schnell und effizient. Bevor die einzigen Regentropfen des Nachmittags die Stirn besitzen, sich auf der unsrigen niederzuschlagen, sind wir fertig. Der Fliegende Holländer steht längst in der Waage, als die ersten Tropfen gen Magdeburg fallen. Und nun, da ich diese Zeilen schreibe, beginnt es zu regnen. Wen interessiert´s? Wir haben unser sturm- und unwettererprobtes Sonnensegel längst aufgebaut. Die beste Ehefrau von allen schenkt ein Tuborg Pilsener aus. Mensch, was willst Du mehr?

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Ihn “erwischten” wir am Abstiegskanal Rothensee

Fast hätte ich ihn unterschlagen, den Niegripper See in Burg bei Magdeburg. Ein kleiner Campingplatz im Jerichower Land. Unser erster Campingführer-Versuch, ein Quartier zu finden. Wir treffen in der Mittagsruhe ein, haben ausreichend Zeit, uns rechtzeitig vor einer übereilten Buchung zu orientieren. Wir setzen den Flying Dutchman wieder unter Segel und suchen bei günstigem Wind das Weite.

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Inmitten der Landeshauptstadt Magdeburg liegt das Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen. (Natürlich auch ein Tipp des Nachbarn.)

Hinter “dauercampenden Ligusterhecken” knallen am Barleber See seit dem Nachmittag die Rotkäppchen-Sektkorken. Hin und wieder entsorgt Frau die erfolgreich geleerten Flaschen im nahegelegenen Altglascontainer. Nun zupft auch noch jemand die Gitarre. Sang- und klanglos und schon gar nicht musikalisch. Ist das nicht schön? Ja, es ist nicht schön. Dann schon lieber NDR 1 Radio Niedersachsen.

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Der Landtag von Sachsen-Anhalt

Am darauffolgenden Morgen kommen wir mit unserem Nachbarn ins Gespräch. Er hat interessante Tipps für uns: wie kommen wir am schnellsten ins Magdeburger Zentrum. Wo finden wir was und was müssen wir während unseres Kurzaufenthalts auf alle Fälle gesehen haben. Woher weiß der Herr aus der Großstadt am Niederrhein das? Er ist Magdeburger, hat hier über 40 Jahre gelebt und als Jugendlicher bereits in den 1970er Jahren am Barleber See campiert. Nun wissen wir auch, dass an der Stelle, an der wir heute stehen, einst eine Art “mobiler Konsum” stand. Und dass am Niegripper See auch heute noch die Ruhe und Erholung suchen, die dies bereits “in vergangenen Tagen genossen”.

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Der Magdeburger Dom
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Heinrich Apel, ein Magdeburger Bildhauer und Restaurator, schuf den Türgriff “Vögel am Nest”
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Sophie Masting geborene Reiß, geboren am 2. Juli 1894 in Mainz, wohnhaft in Magdeburg, Sandtorstraße 8.

Neue Nachbarn bevölkern den Barleber Streichelzoo. Ein Familie aus Flensburg und eine niederländische Großfamilie mit ihrem Home Car Racer 45 Sunset. Donnerschlag, der ganz große Bruder unseres Fliegenden Holländers (ein Home Car Racer 39). Kann der “Sunset” alle Familienmitglieder beherbergen? Eine interessante und zugleich brennende Frage, die wir uns beim Anblick der Eltern nebst ihrer sechs jugendlichen Kinder, sofort stellen. – Es geht! Und: die Tür des Caravans lässt sich bei all dem Gewimmel auch noch schließen. Wir haben Bilder im Kopf, wollen uns aber nicht weiter mit der Frage der räumlichen Unterbringung der Familie auseinandersetzen.

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Die Grüne Zitadelle ist ein von Friedensreich Hundertwasser entworfenes Gebäude in Magdeburg.

Nuca, der weiße Schäferhund der Flensburger, möchte spielen. Mit Luna, die einem kleinen Rennen über den Zeltplatz niemals abgeneigt ist. Luna ist schnell. Sehr schnell. Und das kann Nuca, der achtmonatige und läuferisch heute unterlegene Junghund nun gar nicht so recht dulden. Nuca schnappt nach dem Frollein. Oh, drohend Ungemach! Lege niemals deine Pfote oder deine Schnauze in Lunas Nacken und “never ever” schnappe nach ihr. Zu spät! In Sekundenbruchteilen ist Luna über ihr, es wird etwas lauter, ein paar kapitalere, weiße Fellflocken lösen sich auch dem “Getümmel” und werden vom Wind davon getragen … und Nuca möchte nicht mehr “spielen”.

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Fertiggestellt im Jahr 2005 und das letzte Projekt, an dem Hundertwasser vor seinem Tod gearbeitet hat.

Herstellen der Marschbereitschaft. Unser neues Ziel: das Reisemobilzentrum W. in Kremmin. Hier steht ein Modell des Dethleffs Camper, das uns interessiert und in Wiefelstede und umzu nicht verfügbar ist. Ein sehr netter und ebenso kompetenter Mitarbeiter des Hauses, den wir jederzeit empfehlen werden, führt uns auf den Platz, damit wir uns einen ersten Eindruck verschaffen können. Um den Dimensionen gerecht zu werden: er führt uns in “den Ortsteil Caravan” der Ortschaft Kremmin. Hier stehen Wagen an Wagen, Mobil an Mobil. Damit er uns später wiederfindet, vereinbaren wir, Luna jeweils an der Deichsel des augenblicklich inspizierten Wohnwagens anzuleinen.

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Mit uns können sie es ja machen.

Wir sind mit den Hobbies schnell durch, die LMCs kennen wir bereits von einem Besuch in Warendorf, Hymer und Tabbert muss man gesehen haben, einige Bürstner sind vertreten und dann stehen wir vor den Fendt Modellen. Fendt? Die bauen doch Trecker! – Wir stehen, sitzen, verlassen, gehen wieder zurück, schauen noch einmal bei Hobby, sitzen oder stehen immer wieder im Fendt Bianco 465 SFB Selection. Warum gerade der? Weil der mit seinen Gesamtlänge noch nicht in die Größenordnung “Raumschiff” fällt, weil er genau auf unsere Auffahrt passt, weil er uns, mit unseren häufigen Standortwechseln, das Leben ja so leicht macht, weil er kompakt und hochwertig, wie fast alle heutigen Caravans, verarbeitet ist und weil er genau den Grundriss hat, den wir uns wünschen. Es fehlen uns nur mal eben 19.450,00 Euro. Na, wenn´s weiter nichts ist.

Wir wollen uns von Herrn Guido Pigors verabschieden, sehen beiläufig noch einmal in das Regal mit den Prospekten und finden den Fendt Bianco 495 SFE Celebration. Das wäre ein Modell, das … Nun aber: “Halt!” Und: “Auf Wiedersehen, Herr Pigors.”

In Ludwigslust haben wir Lust, das Schloss zu besuchen. Viele andere verspüren auch diese “Ludwigslust”. Kein Platz, nicht einmal zum Parken. Doch! Vor dem Schloss da parken sie alle! Obwohl es doch verboten ist. “Was die können, können wir …” Ich entdecke die “Danksagungen” des Ludwigsluster Ordnungsamtes hinter den Wischerblättern dieser “rücksichtslosen Parkplatzrüpel”. “Alles, was recht ist, aber wir kommen dann gern später noch einmal wieder.”

Auf den Bundesstraßen 189, 106 und 5 demonstrieren uns noch schnell einige Freiwillige, wie kopflos man in den 70er und 80er Jahren im Westen unserer Republik fuhr. Beängstigend beeindruckend diese Retrospektive. Nur leider wird diese Darbietung auch hier oft zur unüberlegten Risikobereitschaft mit tödlichem Ausgang.

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Die Gemeinde liegt direkt am Elbe-Lübeck-Kanal 10 km nordöstlich von Büchen.

Smartphones informieren nicht nur zuverlässig über Sonnenstunden und Regenwahrscheinlichkeiten, sie sind auch hervorragende Orientierungshilfen. Bisweilen werden sie sogar zum Telefonieren genutzt! “Von Ludwigslust ist es über die BAB 24 quasi ein Katzensprung nach Güster an den Elbe-Lübeck-Kanal”, weiß die beste aller Ehefrauen zu berichten. Und so steht einem Stopp im Naturpark Lauenburgische Seen nichts mehr im Wege. Ist ja auch schon wieder vier Tage her, dass wir dort waren! Also, eine Ewigkeit. Platz 14 ist frei. Na, den kennen wir ja noch vom Mai.

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Brötchen gibt es ab 9.00 Uhr im Seepavillon in der Freizeitwelt am Prüßsee. Eine Vorbestellung empfiehlt sich oder man kauft die Brötchen in der örtlichen Bäckerei, die liegt direkt neben “unserem Griechen in Güster”, der Taverne Inos. Ab 7.00 Uhr sind sie dort frisch zu haben. Als notorischer Frühaufsteher kein Problem, die knapp zwei Kilometer mit dem Frollein im Schlepp in den Ort zu radeln. Nach einigen Jahrzehnten Bundeswehr ist es auch heute noch keine Qual, mit den Hühnern aufzustehen. Außerdem “gehört” mir frühmorgens das Sanitärhaus am Prüßsee. Für mich ein Luxus, eine Wohltat: allein “in den gekachelten Räumen”!

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“Grillen ohne Grillkohle, ein Unding. Ich brauche den Geruch und den Geschmack des über der Glut zubereiteten Fleisches”, sagte einmal ein Vollblutgriller zu mir. Wir haben einen kleinen Elektrogrill an Bord. Der tut´s auch. Bis zu diesem einem Abend, der damit eingeläutet wird, dass mir eine Flasche “Tuborg. Premium Qualität. Enjoyed since 1880.” im Eingang des Fliegenden Holländers aus dem schon leicht lädierten Sixpack fällt. Nicht, dass ich den „Knacks“ nicht bereits beim Kauf bemerkte, aber es war das letzte Gebinde. Der beschädigte Boden der Verpackung bleibt mir verborgen. Diesen schwerwiegenden, versteckten Mangel bemerke ich beim Kauf in Büchen noch nicht. Dafür nun umso geräuschvoller und ganz besonders spritzig beim Betreten der Kajüte des Flying Dutchman. 33cl nach deutschem Reinheitsgebot in Hamburg gebraute und abgefüllte “Hopfenkaltschale” schießen zu Boden.

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Nach der Schadenbeseitigung geht es ans Grillen. Stecker in die Außensteckdose des Fliegenden Holländers und … und … und nichts passiert. Der prüfende Blick des pensionierten “Verteidigungsbeamten” sagt: “Exitus. Auf diesem Grill brennt nichts mehr an.“ Das vielen noch aus der Werbung bekannte “HB-Männchen” wäre ein “Quell der Ruhe” im Vergleich zu meinem augenblicklichen Gemütszustand. Die beste Ehefrau von allen hingegen sieht´s mit Gelassenheit.

Mein Favorit: Chios Teller
Mein augenblicklicher Favorit: Chios Teller

Grillfleisch in der Pfanne braten? Ich sehe sich am Boden krümmende Grillspezialisten, höre vor Entrüstung aufschreiende BBQ-Profis und fürchte augenblickliche Angriffe der mit glühenden Grillbestecken bewaffneten Wohnmobil- und Caravannachbarn. Doch nichts passiert. Bis auf dieses versteckte Grinsen, dieses hämische Gekicher und diese Bemerkungen, wie “Hab´ ich´s nicht gleich gesagt?”, „Na, ein wenig frittiert?“ oder “Geschieht ihm recht!” Ich bilde es mir zumindest ein, als ich einen Teil des “geschändeten” Grillguts sowie den seine Dienste verweigernden Grill fach- und umweltgerecht entsorge. Elektrisch Grillen, ok. In der Pfanne Grillgut zubereiten? Strafe muss sein!

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Den zu den Karpfenfischen zählenden “Güster” (Blicca bjoerkna), auch Blicke, Pliete oder Halbbrasse genannt, gibt es noch nicht “auf Brötchen”.

Natürlich umrunden wir wieder den Prüßsee, der übrigens durch offizielle Stellen der Europäischen Union die Note „ausgezeichnet“ erhalten hat. Ein schöner „Streifzug durch die Gemeinde“, der in Güster stets an der „Fischbude“ zur „inneren Einkehr“ kommt. Frisch zubereitete Fischbrötchen „retten“ uns über die letzten knappen zwei Kilometer zurück zum Fliegenden Holländer. Allerdings: nur am Freitag und am Samstag gibt es hier die „appetitlichen Burger aus den Wogen“.

Wie sagte einst der Spätromantiker und von Thomas Mann in seinem Roman “Buddenbrooks” in der Figur des Jean-Jacques Hoffstede verewigte Franz Emanuel August Geibel: “Oh welche Zauber liegen in diesem kleinen Wort: Daheim.” – Und damit ging es wieder in Richtung Wiefelstede. – Erst einmal …

Das Schlimmste für den Pensionär, …

… er kriegt keinen Urlaub mehr. (Hermann Lahm)

Der erste (Sommer-)Ferientag in Niedersachsen. Wir wagen es. Der “Fliegende Holländer” steht reisefertig vor dem Haus. Die beste Ehefrau von allen hat alles vorbereitet, gepackt und verstaut. Ich weiß lediglich, dass wir den Wohnwagen am Haken haben, denn das war so ziemlich der einzige Handgriff, den ich zu den Reisevorbereitungen beigetragen habe.

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“Was hilft aller Sonnenaufgang, wenn wir nicht aufstehen?” Georg Christoph Lichtenberg

Schon sind wir auf der Autobahn, fahren gen Bremen und auch hier sehr unproblematisch weiter in Richtung Hamburg. Dibbersen, Horster Dreieck, Maschen, Harburg, Stillhorn, trotz Baustelle geht es zügig in Richtung A24. Kreuz Hamburg-Ost: wo sind sie alle, die Ferienreisenden? Sind die Zeugnisse so schlecht ausgefallen, dass alle Urlaubspläne verworfen werden müssen?

Eine Baustelle zwischen Talkau und Hornbek “bremst” uns auf 60 Km/h herunter. Was soll´s, wenn man selbst für fast alle anderen Verkehrsteilnehmer das Verkehrshindernis schlechthin darstellt? Aus diesem Blickwinkel sah ich jedenfalls bis zum Juni 2014 die Begegnungen mit Wohnwagen- und Wohnmobilkutschern. Und nun ziehen wir selbst “eine Urlaubsdose” durch die Landschaft.

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Manchmal bin ich dem Frollein sehr dankbar, dass sie auch mal “im Frühtau zu Berge” für kleine Mädchen muss.

Exakt in den Naturpark Lauenburgische Seen „schleppen“ wir den Fliegenden Holländer. Einmal mehr zieht es uns an den Elbe-Lübeck-Kanal nach Güster. Wir schaffen es vor der täglichen Mittagsruhe und haben um 13.00 Uhr unser Lager aufgeschlagen. Der Flying Dutchman liegt auf Reede, wir in den Liegestühlen. Rundherum Natur und diese natürlich vom Feinsten. Luna liegt im Schatten und “erschnuppert” Enten und Schwäne. Eigentlich hat sie bereits die Witterung aller hiesigen Wasservögel zwischen Lauenburg/Elbe und Mölln aufgenommen. Das kann ja heiter werden.

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Aus dem vielfältigen Reizangebot der Umwelt einzelne Reize auszuwählen und bevorzugt zu betrachten, für Luna die leichteste Übung.

Wird es dann auch: während des ersten ausgedehnten Spaziergangs am Kanal überholt uns ein ebenso einsamer wie durchtrainierter Paddler. “So eine große Ente habe ich noch nie gesehen! Ich nehme die Verfolgung auf!” Dies mögen die letzten “bei-Fuß-Gedanken” unserer Heidewachtel gewesen sein, denn wir sehen nur noch ihre weiße Rutenspitze im Schilf verschwinden. Sekundenbruchteile später ist sie wieder auf den Weg zurückgekehrt, aber nur um eine günstigere Ausgangsposition zu finden, die “Ente” zu apportieren. Platsch! Wir sehen sie nicht, hören sie aber deutlich “zu Wasser gehen”. Heerscharen von Federvieh flattern aus dem Schilfgürtel. Der Paddler kommt nicht aus dem Rhythmus und entkommt unserer Luna “mit knapper Not”. Gott sei´s gedankt. Ich sah uns schon in eine größere Aktion zur Rettung Schiffbrüchiger verstrickt. Sie wäre kein Kleiner Münsterländer, würde Luna nun nicht zu einem weiteren Versuch, diese Mega-Ente zu greifen, ansetzen. Ein Pfiff löst die morgendliche Jagdgesellschaft auf. Der Paddler tut so, als habe ihn dies alles nicht interessiert, doch ich meine, klitzekleine Schweißperlen auf seiner Stirn entdeckt zu haben.

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Ihm “schwant” nichts Böses

Ich bin kein Vollblut-Camper. Ganz bestimmt beherrsche ich nicht die letzten Tricks des mobilen Einsatzes, aber wenn ich mir einen Wohnwagen leihe, um damit meine Ferien zu verbringen, dann informiere ich mich. Informiere mich über das “Instellungbringen” des Caravans, informiere mich über die Installation der Stromversorgung und vor allem weiß ich, wie man ein Vorzelt aufbaut. Dieses endlose Gewirr aus Taschen, Zeltbahnen, Seilen, Gestänge und vielen anderen interessanten Dingen, von denen der Pauschalreisende nur träumen kann.

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Die haben auch schon bessere Tage gesehen. Und wenn sie davon berichten könnten …

Nicht so die beiden Herren, die neben uns ihr Lager aufschlagen. Nach zwei Stunden rat- und rastlosem Hin und Her geben sie es auf, setzen sich mit ihren beiden Klappstühlen vor ihren (Leih-)Wohnwagen und genießen die Abendluft. “Da hättest Du ja wohl mal eben mit Hand anlegen können,” höre ich die geneigten Leserinnen und Leser sehr vorwurfsvoll sagen. Aber wie ich bereits erwähnte, auch ich beherrsche noch lange nicht alle Tricks des mobilen Einsatzes. Wir haben kein Vorzelt. Wir haben ein Sonnensegel. Um ehrlich zu sein: wir hatten ein Vorzelt, das ich nach unserem ersten, ähnlich wie bei den beiden Herren verlaufenden Manöver, zur Endlagerung nach Mansie (zur Mülldeponie des Landkreises Ammerland) brachte. – Es gibt weitaus interessantere Tätigkeiten, als beim Aufbau solch eines Vorzeltes Geduld, Zeit, Erholung und gute Laune zu verlieren.

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“Die Erde ist ein gebildeter Stern mit sehr viel Wasserspülung.” Erich Kästner

14.00 Uhr: Regenwahrscheinlichkeit 30%. 15.00 Uhr: Regenwahrscheinlichkeit 40%. Dank smartphone und der passenden Wetter-App sind wir stets online und im Bilde. Die beste aller Ehefrauen hat die Regenwahrscheinlichkeit im Blick. So trifft es uns natürlich nicht unerwartet, als um 4.56 Uhr ein Gewitter mit allen Extras über uns hereinbricht. Unsere einzige Befürchtung: Luna könnte instinktiv das Verlangen verspüren, mal “für kleine Mädchen” zu müssen. Dafür oder besser dagegen gibt es nämlich noch keine application von Apple & Co. Es geht gut. Das Frollein interessiert sich nicht einmal für Blitz, Donner und Wolkenbruch. 12.00 Uhr: Regenwahrscheinlichkeit 45%. 18.00 Uhr Regenwahrscheinlichkeit: 60%. 18.30 Uhr: Besuch des örtlichen Griechen 100%.

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Elbe-Lübeck-Kanal. Nicht nur Freizeitkapitäne cruisen hier. Auch die richtigen “Pötte” sind unterwegs.

Wir haben reserviert. Und das ist richtig. In der Taverne Inos, „unserem Griechen in Güster“, ist was los. Die Brüder Karagiannis und ihr Team haben alle Hände voll zu tun und trotzdem alles im Griff. Das Frollein liegt entspannt unter dem Tisch, wir lassen es uns schmecken. Unsere „Erneute Besuchswahrscheinlichkeit“: 100%.

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Der Nachbar verfügt über Vorzelt und Sonnensegel.

Wir haben kein Vorzelt, wir haben ein Sonnensegel. Fast müssen wir uns auch von diesem verabschieden, denn in der Nacht bläht ein Sturm das Segel des Fliegenden Holländers gewaltig. Unser rechteckiges „Rahsegel“ trifft es in der Nacht gnadenlos. Prasselnder Regen und ein starker Wind beuteln die Fock unaufhörlich. Es gibt Zeltheringe für alle möglichen Bodenbeschaffenheiten und aus unterschiedlichsten Materialien. In dieser Nacht sind wir an dem Modell „Sintflut Protektor“ stark interessiert. Nur gibt es diesen Typ nicht. Noch nicht. Frei nach Goethe: „Halb zog sie ihn, halb sank er hin und ward nicht mehr geseh´n“, sinkt unser Vorzelt gegen 2.45 Uhr in sich zusammen. Da wir es, im Gegensatz zu dem in den Fluten versunkenen goetheschem Fischer, noch sehen können, lassen wir es vorerst am Boden liegen. – „Ein Unding! Welch eine Schluderei!“ Ja, aber ich besitze keinen Neopren-Schlafanzug und bleibe somit trocken.

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Walle! walle manche Strecke, dass, zum Zwecke, Wasser fließe und mit reichem, vollem Schwalle …

8.30 Uhr. Die in der Nacht entfesselten Urgewalten haben sich quasi in Luft aufgelöst. Ich berge das augenblicklich noch handlungsunfähige und bibbernde Sonnensegel. Langsam erholt es sich und nimmt schon bald seine schattenspendende Tätigkeit wieder auf. Wir frühstücken vorsichtshalber in der Kajüte des Fliegenden Holländers. Nicht, dass wir der Wetter-App (50%) nicht trauen, aber wie lässt schon William Shakespeare „seinen“ König Heinrich IV. so treffend behaupten: „Das bessere Teil der Tapferkeit ist Vorsicht.“

Später brechen wir auf. Erst einmal in Richtung Heimat und dann nach, ja, wohin eigentlich? – „Erst tun mer mal garnix; dann schau’n mer mal; und dann wer’n mer scho’ seh’n.“- Lassen wir uns überraschen.

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Wenn man seine Ruhe nicht in sich findet, ist es zwecklos, sie andernorts zu suchen. – François de La Rochefoucauld

Freizeitwelt Güster: Unsere Rückkehrwahrscheinlichkeit 100%

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Komfortplätze in der Freizeitwelt Güster. Direkt am Elbe-Lübeck-Kanal gelegen.
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Unser Fliegender Holländer auf Reede am Elbe-Lübeck-Kanal.

Gartencamping

“Ich leih´ Dir meinen Garten.” – Gartencamping in Butjadingen. Mal was Neues? Nein, die Idee stammt aus good old Englandhttp://campinmygarden.com/ – Jeder, der denkt, einen geeigneten Garten zu haben, meldet diesen auf der Website an und stellt ihn anderen Campern zur Verfügung. Die angebotenen Gärten sind ganz unterschiedlich. Das Angebot reicht vom “basic camping” (Bamping; ohne besondere Ausstattung) bis hin zum “glamorous camping” (Glamping; mit besonders komfortablen Einrichtungen).

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“Das Frollein” und ich nutzten dieses online-Angebot nicht. Wir haben uns einfach bei der Verwandtschaft einquartiert. Die haben nämlich für uns gegrillt!  😀

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Und sie haben eine riesige Wiese, auf der Hund so einige naturwissenschaftliche Phänomene entdecken und erforschen konnte.  💡

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Campen vor der Haustür

Kurzentschlossen brechen wir auf. Der “Fliegende Holländer” steht für diesen Fall wie gewohnt komplett aufgerüstet und startklar bereit. Wir wollen zu einem Komfort- und Bungalowpark an einem großen See mit Bademöglichkeit im Herzen Ostfrieslands. Also, auf ans Tor zur Nordsee.

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Die freundliche  Stimme unserer elektronischen und satellitengestützten Reiseleitung will uns auf kühnen Wegen an den Nordgeorgsfehn- und den Großefehnkanal führen. Wir ignorieren sie und fahren auf der Grünen Küstenstraße und der Deutschen Fehnroute in Richtung des staatlich anerkannten Lufterholungsortes.

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Hätten wir auf die freundliche Navi-Dame gehört, wäre er uns entgangen, dieser Ritter der Landstraße. Etwas „fließender“ als 80 Km/h fahrend, habe ich ihn im Rückspiegel: einen in Flecktarn (Farbgebung “Winter”) lackierten Audi, diese Synthese aus kompromissloser Performance und Alltagstauglichkeit, mit einem blau beplanten Anhänger, der in etwa die Ausmaße eines mittleren Möbelwagens besitzt, im Schlepp. Ein tiefes Grollen kündigt das Modell aus der ABT-Schmiede an. Dann ist es auch schon, plane- und spriegelklappernd, an uns vorbei, reiht sich „kompromisslos“ ein und fährt gemeinsam vor und mit uns “in alltagstauglichem Tempo” in den Lufterholungsort ein. „Neues beginnt, wo Grenzen enden.“ (Werbeslogan Audi). Der gemeinsame Ampelstopp an der Kreuzung Oldenburger -/Hauptstraße, wir haben „den ABT“ inzwischen in der freien Linksabbiegerspur “hinter uns gelassen”, veranlasst den Fahrer noch einmal zu einer dezibelgeladenen Demonstration der von mir geschätzten 427,31 PS seines Hochleistungsfahrzeugs. Tja, und das war´s dann auch. Vielleicht erreicht auch er sein heutiges Ziel. Wir wünschen es ihm von ganzem Herzen und mit maximalem Drehmoment.

Wir sind angekommen. Der Campingplatz am Ottermeer liegt vor uns. Die Wagenburg wird in der Nähe des künstlich angelegten Sees errichtet und ab sofort heißt es: “Wochenende!” Mutterseelenallein stehen wir in der “Sektion K”. Luna hat inzwischen ihren Reviergang abgeschlossen, die zahlreichen Wildkaninchen, die bis jetzt gesellig in einer Kolonie umher hoppelten, sind durch die abrupte Veränderung ihres Sicherheitsumfeldes in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Das Rotkelchen nimmt uns wahr und kümmert sich unbeirrt und standhaft um die Fütterung seiner Jungen.

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Eigentlich wollen wir den nächstgelegenen örtlichen Italiener an diesem Abend besuchen, aber Flora und Fauna setzen sich gegen leckere Antipasti, Carpaccio, den italienischen Vorspeisen Klassiker, Pizza, Pasta und Parmaschinken durch.

Nun fehlt uns ein Pfund Brot. Die freundliche Dame im ansonsten wohlsortierten Kiosk hat leider nur noch Zwieback und Knäckebrot in ihrem Regal. Schnell ins Auto und im nächsten Discounter für Nachschub gesorgt. Der staatlich anerkannte Lufterholungsort verfügt über eine sehr gut ausgebaute Durchgangsstraße mit einer in Grau gehaltenen mittleren Abbiegespur, die zu wählen ich während meiner Entscheidungsfindung, welche Einfahrt zum Verbrauchermarkt ich nutzen könne, gedankenlos vergesse. Wild hupend macht mich der lokale, „übermütige“ Verkehrsdepp darauf aufmerksam. Dankbar grüße ich zurück, glaube eine gewisse Ähnlichkeit zum bereits erwähnten ABT-Fahrer zu entdecken, und erledige meine Besorgungen. Natürlich kann ich die original nach dem bayrischen Reinheitsgebot gebraute Bierspezialität mit dem Mönch auf dem Etikett nicht links liegen lassen und befreie vier halbe Liter prächtiger Braukunst aus der Tristesse des Bierregals. So, nun aber zurück ans Ottermeer.

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Gesellschaftspiel ist angesagt: Kniffeln. Ich und Spielen! Zwei Welten prallen aufeinander! Gnadenlos spiele ich meinen „Heimvorteil“ aus und gewinne an diesem Abend. Die beste Ehefrau von allen kennt dieses Würfelspiel nicht und so habe ich wenigstens heute den Hauch einer Chance.

„Es kommt ein neuer Morgen, es kommt ein neuer Tag.“ (Ein Titel der Iserlohner Pop-Rock-Band Luxuslärm (auch: LXSLRM)). – Erst denke ich an die preußische T9.3 (Anm.: EineTenderdampflok, die sowohl im Personenzug-, als auch im Güterzugverkehr verwendet wurde) der Museumsbahnen Schönberger Strand, wie diese durch Wiesen und Felder schnauft. Doch es ist einer der zahlreichen Jogger, der beängstigend geräuschvoll und dadurch weithin vernehmbar, das Ottermeer umrundet oder treffender “umtaumelt”. – „Nein, liebe Zuschauer, das ist keine Zeitlupe, der läuft wirklich so langsam.“ (Werner Hansch, Sportreporter)

An diesem Sonntag bekommt das Ottermeer viele Besucher. Sie treten vereinzelt, in Gruppen oder paarweise oder mit “Kind & Kegel” als Spaziergänger, Sportlerinnen und Sportler, Radler oder Hunde-Gassi-Geher auf. “Es gibt am ganzen Ottermeer nur leider keine Otter mehr.” Ob es an der intensiven Völkerwanderung liegt oder die Vertreter der amphibisch lebenden Unterfamilie der Marder hier ohnehin niemals heimisch war, wer weiß es schon? Auf alle Fälle ist es ein schönes Fleckchen Erde!

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„Tag  der offenen Tür“ im Camping- und Bungalowpark. Ein Aussteller aus dem Großraum Aurich stellt Wohnwagen und -mobile aus. Wir sind präsent und entdecken unseren Favoriten. Nein, nicht den Verkäufer, einen LMC Münsterland in exakt der Ausführung, wie wir sie brauchen (könnten). Ich schreibe dies sehr leise, denn ich habe die Befürchtung, unsere „Fliegender Holländer“ könnte von dieser Begegnung und unseren Gedanken „Wind bekommen“. Nein, das wollen wir nun ganz und gar nicht. Schließlich sind wir noch in der Wohnwagen-Testphase und bisher sehr zufrieden mit dem “Flying Dutchman”! Obwohl …

„Da haben die mal einen größeren Wohnwagen am Haken und schon denken sie, ihnen gehört die Straße!“ – Uih! Beunruhigende, ja unheilschwangere Worte aus dem Mund eines erkennbaren Wohnmobilisten. „Die sollte man doch gleich rechts ran winken und abkassieren. Was DIE sich so erlauben! Die glauben doch, sie sind die Kapitäne der Landstraße.“ – Tag der offenen Tür? Oder: Tag des losen Mundwerkes? Für einen bereits getätigten ausgiebigen Frühschoppen war es, auch für diesen Herrn, wirklich noch zu früh, oder? Doch er meint es tatsächlich genauso, wie er es volltönend sagt. Und er sagt es mehrmals. Wir verzichteten auf einen weiteren Rundgang inkl. Beschallung, nehmen uns einen Prospekt, vereinbaren mit dem Verkäufer einen Besuchstermin im Freizeit- und Caravanzentrum und lassen den anmaßenden und unbeherrschten Wort- und Campingfahrzeugführer allein. Ein Problem bleibt: „Wie erklären wir unserem „Fliegenden Holländer“ die geplante Fahrt ins „Störtebekerland“ nach Großheide?“ Ich denke, wir werden über das Gespräch von Ruhe, Entspannung und Erholung in Ostfriesland „die Kurve kriegen“.

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Tja, und damit scheint unser nächstes Ziel bereits ausgewählt zu sein. Auf den Spuren von Klaus Störtebeker alias Klaas Störtebecker alias Claas Störtebeker alias Nikolaus Storzenbecher, dem Seeräuber und einem der Anführer der Likedeeler bzw. Vitalienbrüder könnte es ins Ostfriesische gehen.

Naturpark Lauenburger Seen

Zwar nicht durch die lockende Bootsmannsmaatenpfeife unterstützt, doch eindeutig geht das Kommando: „Reise, reise“ an die beiden Caravanspiegel, die sich gern einmal in der Kajüte des Fliegenden Holländers verstecken, um sich so von ihrem „Rückschau gewährenden Arbeitsplatz im Außendienst“ fernzuhalten. Nicht noch einmal! Und schon gar nicht: noch einmal mit mir! – Weit vor der Abfahrt übernehmen “die Burschen” ihren Dienst und warten brav auf das Startsignal.

„Die beste Ehefrau von allen“, ich weiß immer noch nicht, wann Ephraim Kishon die meinige kennen lernte, erledigt ihre Aufgabe als Quartiermeisterin gewohnt bravourös. Und so ist auf unserer Reise auch die einzigartige Küchenmaschine, mit der wir neue kulinarische Wege gehen und gleichzeitig Zeit und Aufwand sparen, dabei: der Thermomix TM 31®. Leistungsstark, vielseitig und innovativ wird er uns beim Kochen viel Arbeit abnehmen.

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Wir rollen. Noch wissen wir nicht, dass wir nach 227,65 Km und mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 78,6 Km/h unser Ziel im Naturpark Lauenburgische Seen, den Ort Güster, erreichen werden. Güster? Wie kommt man auf die Idee, an den Prüßsee zu reisen?

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Die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und somit Joachim „Jogi“ Löw und seine Mannen zeichnen hier verantwortlich. Nicht, dass ich die Herren nicht mag, aber die Ballsportart, bei der zwei Mannschaften mit dem Ziel gegeneinander antreten, mehr Tore als der Gegner zu erzielen und so das Spiel zu gewinnen, „ist nicht so mein Ding“. Ist eigentlich noch nie „mein Ding gewesen“. Was lag am 13. Juli 2014 näher, als leergefegte Kreis-, Landes-, Bundesstraßen und -autobahnen zu nutzen und eine Fahrt „ins Blaue“ zu unternehmen? Eben dieser „mittel- bis azurblaue Ausflug“ führte seinerzeit „das Frollein“ und mich in weltmeisterlicher Vorfreude nach Schleswig-Holstein an den Elbe-Lübeck-Kanal.

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Mittendrin im Dreieck Mölln/Lauenburg/Boizenburg stehen wir an der Rezeption und … ich staune nicht schlecht, als ich vom „Concierge“ wiedererkannt werde. Meine fußballerische Flucht 2014 ist also doch nicht „verjährt“.

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Schnell erreichen wir unseren Stellplatz, schlagen unser Lager für die kommenden fünf Tage auf und flugs wird der von uns aus der Bauerschaft Dringenburg importierte Spargel vorbereitet und auf seinen kulinarischen Weg zur und in die einzigartige Küchenmaschine geschickt. – „Kein Genuss ist vorübergehend, denn der Eindruck, den er zurücklässt, ist bleibend.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

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Es naht die Nacht. Ich denke an Lunas nächtliches Intermezzo in Drochtersen und stelle mich auf ihren Weckruf gegen 1.10 Uhr ein. – Als wir gegen 7.30 Uhr aufwachen, ist die Welt in Ordnung. Warum auch nicht? Natürlich ist sie das! Und zwar bereits früher: „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“, behauptete schon der Autor Eric Malpass. Für uns war sie dann nicht nur noch in Ordnung, sondern sie blieb es. Auch für KLM Luna, die sehr entspannt bleiben konnte. Sowohl Frau- als auch Herrchen waren vor Ort.

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War einer von uns dann einmal nicht präsent, so hatte das “Frollein” nicht die Gelegenheit und animalische Verpflichtung, z. B. das Bett zu bewachen und dieses gegebenenfalls auch warm zu halten. Eine Betreuung, die sie liebt, wir hingegen verzichten darauf mit Vergnügen. – “Zum zehnten Mal wiederholt, wird es gefallen.” Hier irrt nicht nur das “Frollein”, nein, auch der bedeutende römische Dichter Horaz.

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„Wer in aller Welt kommt mit einem Gespann von knapp 12 Metern Länge in den Naturpark? Ja, wer ereifert sich, neben uns zu logieren?“ – Ich schrecke aus meinen ornithologischen Beobachtungen zweier der rund 10.000 Arten (exakt: 10.625) umfassenden Klasse der Wirbeltiere hoch. – „BRA-…“ Landkreis Wesermarsch. Breit grinsen mich Schwägerin und Schwager aus dem Fahrerhaus ihres durch Sicherheit, Stabilität und Effizienz überzeugenden Fahrzeuges an. – „Überraschung!“ – Alle wussten es natürlich, nur ich nicht. „Zur Strafe“ feiern wir am Abend aus- und ergiebig meinen Geburtstag. – „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man bekommt.“ (Forrest Gump (Tom Hanks))

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Und wenn wir schon in der Nähe Möllns „zelten“, dann müssen wir auch Till Eulenspiegel, den im 14. Jahrhundert umherstreifenden Schelm besuchen. Wir kommen allerdings fast 700 Jahre zu spät. Der Schalk starb hier schon im Jahre 1350. Aber den Till-Eulenspiegel-Brunnen mit den blanken Fußspitzen und Daumen des Spaßmachers besuchen wir. Nicht besuchen können wir Konstantinos M. in und mit seiner feinen griechischen Küche. Hunde & Co. warten hier auf ihre Begleiterinnen und Begleiter auf dem historischen Marktplatz vor dem Lokal. Das Frollein Luna bei diesem Schietwetter bestimmt nicht.

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“Gesegnet seist du / Und all Deine lieblichen Fehler / Die Zukunft bist Du / Denn Du bist das Licht, das mich leitet”, singt Bernhard Albrecht Matthias Lasse Blümel alias Ben. Und meint damit nicht das Internet und unsere Mobiltelefone mit ihrer Computer-Funktionalität und -konnektivität. Doch eben diese leiteten uns an diesem Abend zu „unserem Griechen des Vertrauens“. In der „Taverne Inos“ in Güster lassen wir es uns inkl. Luna, die unter dem Tisch tief und fest schläft, gut gehen. – „Tu´ deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.“ (Teresa von Ávila)

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Irgendwann ist er da, der Tag der Abreise. Noch schnell auf den einzigen Regenschauer an diesem Morgen warten, damit wir Vorzelt und Sonnensegel auch wirklich klatschnass verpacken können und auf geht die Fahrt ins schöne Ammerland. Da sind wir wieder. Eifrig schmieden wir die nächsten Reisepläne.

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On The Road Again – Neue Reise, neues Glück

1. Mai, 10.00 Uhr. Der Himmel ist bewölkt, aber es bleibt (noch) trocken. Der „Fliegende Holländer“ steht aufgetakelt vorm Haus. Die neue Zugmaschine, der Chevrolet Captiva wich einem Opel Antara 4×4, steht in den Startlöchern. Auf los, geht’s los. Na dann: “Los!”

“Hast Du auch alles dabei?” – Natürlich habe ich alles gepackt und an alles gedacht. Gedacht ja, aber auch verstaut? – Kurz vor Rodenkirchen frage ich mich, warum der Blick nach hinten nicht so übersichtlich ausfällt, wie ich es von den Fahrten im vergangenen Jahr gewohnt war. Natürlich! Die Caravanspiegel! Sie räkeln sich, noch leicht verschlafen, in der Kajüte des Flying Dutchman. Also, erster Boxenstopp hinter dem Wesertunnel. Ich wollte ja ohnehin pausieren und sicherlich muss Luna mal für kleine Mädchen. Alle Maschinen “Stopp!“ Wir ankern. Synchron beginnt es zu regnen. „Luna, du musst doch nicht und die Spiegel sollen nicht nass werden.“ Tempomat auf 80 km/h und ab durch die Gischt. In Nesse, oh, Wunder, ist Schluss mit der Nässe. “Rechts ran!” – Erleichtert steigen wir später ins Auto. Die Spiegel reflektieren weiterhin träumend im Wohnwagen. Vergessen? Nein, welcher Unmensch würde sie bei diesen Temperaturen montieren? Bei allem, was recht ist, die armen Dinger.

Wir nähern uns dem von Beginn an angepeilten, an einem großem Moorsee in der Nähe des Moorheilbades Bad Bederkesa gelegenen, Campingplatz. Nachdem wir über Stock und Stein, durch Kuhfladen, Matsch und auf landwirtschaftlichen Wegen nun vor unserem geplanten Ziel stehen, erblicken wir die letzten, noch ein wenig vom süffig-herben Maibock „ramponierten“, aber tapferen Tanz-in-den-Mai-Camper vor ihren Wohnwagen und auf den Wegen und fahren unseres Weges … und zwar weiter. Kurzer Stopp auf einem einsamen Parkplatz. Ein unglücklicher Blick auf unseren kuhschietverzierten Wohnwagen und dann ins Internet. – „Campingplatz, Elbe, Altes Land.“ Schnell wird das WorldWideWeb nach einer anderen „Lagerstätte“ befragt. Unsere Wahl fällt auf die Elb(halb)insel-Krautsand.

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Pünktlich um 13.10 Uhr stehen wir vor der Einfahrt unseres ausgewählten „Zeltlagers“ zwischen Hamburg und Cuxhaven. Schranke unten, Ampel rot: Mittagsruhe von 13.00 Uhr bis 15.00 Uhr. Mit einem abenteuerlichen Manöver setze ich zurück oder treffender, ich versuche zurückzusetzen. Ohne erweiterten Rückblick, denn die Spiegel liegen immer noch im Wohnwagen, scheitert dieser Versuch beschämend und kläglich. Flugs den Fliegenden Holländer abgekoppelt, per Hand gedreht, ausgerichtet und erneut angehängt. Ich ernte Spott und Hohngelächter der im nahegelegenen Restaurant speisenden Gäste. Vor meinem geistigen Auge liegen diese am Boden, krallen kreischend ihre Fingernägel in die Auslegeware und lachen sich, angesichts meines verfehlten Fahrmanövers, kaputt! Interessiert es mich? Nein, es interessiert mich nicht! Die kennen mich doch gar nicht. Zumindest bis heute. Doch: die Welt der Camper ist klein und mitteilsam.

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15.30 Uhr. Der Wohnwagen steht. Er steht mustergültig. Er steht waagerecht. Er steht perfekt! Er steht sozusagen wie eine “1”. Wo, bitte schön, sind jetzt die begierigen Zaungäste? Keiner von ihnen hätte auch nur ansatzweise eine Ahnung, dass ich den Fliegenden Holländer durch reines Augenmaß so vollendet ausbalanciert habe. Typisch, das sieht wieder kein Mensch! Aber wehe ich lege den Rückwärtsgang ein, dann … – “Die Neugier steht immer an erster Stelle eines Problems, das gelöst werden will.” – Galileo Galilei.

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Wir schnappen uns das Minirad und erkunden die Umgebung. Bisher hatte das „Drahteselchen“ drei Gänge. Plötzlich schaltet sich die KLM-Betriebsart (KLM – KLeiner Münsterländer) dazu. Luna zieht wie eine Dampfmaschine. Warum? Es wird ihr Geheimnis bleiben. Auf alle Fälle komme ich sehr ausgeruht von unserer Radtour zurück. Luna liegt später auf ihrem Lager und träumt. Höchstwahrscheinlich von den Wölfen, die uns lt. Presseberichten nun bald im Ammerland erbarmungslos heimsuchen werden, denn sie heult zwei, drei Mal wie Isegrim. Oder hat sie Heimweh?

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Es gibt sie überall. Spontan und somit unverhofft, tauchen sie auf. Rotten sich zusammen, finden ein gemeinsames Gesprächsthema und irgendeiner hat, ebenso schnell, wie spendierfreudig, die zur Erbauung und zur Förderung des Redeflusses unverzichtbaren „Spaßmacher“ parat. Spaßmacher in Form von Ouzo, Kleiner Feigling, Kümmerling, Jägermeister, Charly und, wie im heutigen Fall: Flensburger Pilsener, den Klassiker. Unverwechselbar in Charakter und Frische. Und Ouzo. Eine sich stetig lebhafter entwickelnde Unterhaltung nimmt ihren verhängnisvollen Lauf. Stetig, besonders im Sinne von geräuschvoller und kunterbunter werdend. Nun bin ich nicht der Lauscher an der Zeltwand, doch unabwendbar kommt niemand im Umkreis von 30 Metern an dieser bierseligen Plauderei, die inhaltlich und protokollarisch immer gleich zu verlaufen scheinen, vorbei. Eine oder zwei dominante Männerstimmen geben reihenweise Anekdoten zum Besten. Dabei werden sie durch das Gekicher der Zuhörer animiert, immer noch tiefer im Trüben zu fischen, um weitere Räuberpistolen aus der Versenkung zu holen. Ich erwische mich bei dem Gedanken, den Campern die Getränkevorräte zu verstecken. Absurd. Neue Gäste kommen hinzu und werden mit der Schnulze “Atemlos” empfangen. Warum atemlos? Ich befürchte, diese Gesellschaft hat noch Luft, Gesprächsstoff und geistige Getränke bis zum Morgengrauen! Und dann, ganz unerwartet, herrscht Ruhe. Und ich habe nichts, über das ich mich spottend schreibend auslassen kann, mehr. Aber: “Halt, da läuft doch noch eine Party.” Es sind die anderen Anlieger. Hier geht es um den Kölner Karneval und warum Niedersachsen “damit nix am Hut haben”. Der Beginn einer weiteren unendlichen Geschichte. Es ist noch früh am Abend. Also stehen die Chancen gut, dass die Karnevalisten irgendwann atemlos, bevor ich schlaflos werde, werden. – “Viva Colonia!” – “Die große Stärke der Narren ist es, dass sie keine Angst haben, Dummheiten zu sagen.” – Jean Cocteau

01.10 Uhr. Die Karnevalisten sind längst verstummt. Luna möchte plötzlich raus. Ich nicht. Wenig später schlurfe ich mit dem Frollein über den Campingplatz. Einmal für kleine Mädchen und zurück in die Wagenburg. 05.20 Uhr. Erneut das gleiche Ansinnen der Madam. „Denkste, Puppe! Ruhe im Schiff!“ Gegen 07.20 Uhr lässt sich dann schließlich über eine erweiterte Platzrunde verhandeln. Es ist bereits hell im Fliegenden Holländer. Und lauschige 8,3° Celsius “warm”. Der Wohnwagenboden sieht aus wie nach der Explosion eines Grasfangkorbes. Wenig später entdecke ich dann das Hinweisschild “Gartenabfälle” in Reichweite unseres “Liegeplatzes”. Unser Gang in der vergangenen Nacht brachte so einiges mit sich. Wir ziehen unsere morgendliche Runde, frühstücken. Nachdem ich “klar Schiff” gemacht habe, höre ich im Radio einen sehr zurückhaltenden Moderator, der einem Imam zur Thematik “Terror und Islam” viel zu duldsam das Wort gönnt. Mir sträuben sich die Nackenhaare. Zwischen den Zeilen vernehme ich, dass man die terroristische Form des Islams zwar als eine Fehlinterpretation des Koran werte, darüber aber nicht gerichtet werde, weil … Bla, bla, bla. – “Oft tut auch der Unrecht, der nichts tut. Wer das Unrecht nicht verbietet, wenn er kann, der befiehlt es.” – Marcus Aurelius

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Kaffee für den Käpitän, Josera für das Frollein, kleine Pause, dann „in die Boote“: wir starten zur Krautsandrundfahrt. Vorher werde ich in die Rezeption gehen und petzen, denn fast jeder dritte Dauer- und Touristencampingplatzhundehalter lässt seine Fellnase vor unserem Platz in die Hecken verschwinden. Die Heckenschützen der Gattung Canidae können nicht anders, aber Herr- und Frauchen könnten die „Gasgranaten“ entsorgen! Nachher heißt es noch: “Der, der mit dem Wohnwagen nicht rückwärts fahren kann, der hat seinen Hund auch noch den Platz verunreinigen lassen.” – Ha, nicht mit mir!

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So, Luna, komm. Zähne putzen und ab durch die Mitte der Elbe-Halbinsel. In der seit gestern neuen KLM-Betriebsart „fliegen“ wir über die Landzunge.

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An der Schanzenstraße finden wir das eine und andere fotografisch lohnenswerte Motiv und zufällig auch das Haus und einige unter freiem Himmel aufgestellte Werke des Illustrators und Bildhauers Jonas Kötz. Na, wenn das kein Glücksfall ist!

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Landschaftlich erinnert mich Krautsand an die Wesermarsch, in der wir sehr lange lebten. See- und Flussdeiche, Einzelhöfe auf Wurten gelegen und die grüne Küste. Also „so oder so“ denke ich, ich bin „in der Wisch zwischen Waddens und Burhave“. Wie veranschauliche ich diese Landschaftsform nun den nicht unterrichteten Zeitgenossen in verständlichen Worten? „Krautsand reiht sich unauffällig und dezent in die geomorphologische Oberflächenformen im Gebiet der nordwestdeutschen Küsten und Flüsse ein“. Na, geht doch.

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„Wo ein Anfang ist, muss auch ein Ende sein.“ – Wir brechen unsere Zelte in Krautsand ab und fahren gen Heimat über die Bundesstraße 73 in Richtung Cuxhaven. Dort wollen wir uns noch ein wenig umschauen. – Wie sollte es auch anders sein? – Es beginnt zu regnen. Nein, nicht mit uns. Wir starten durch und fahren heim. – „usA“ (unser schönes Ammerland), Du hast uns wieder!

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“Und wann geht´s wieder los?”

Der zweite Ausflug mit unserem „Fliegenden Holländer“

Naja, eigentlich ist dies bereits der vierte Ausflug mit dem Chateau Home Car Racer 39, der 1998 in Oirschot das Licht der niederländischen Wohnwagenwelt erblickte. Doch über unsere beiden ersten Reisen gibt es (noch) keine Aufzeichnungen. – Chateau? Nein, mit einem französischen Landschloss oder einem Weingut in der Weinbauregion Bordeaux hat der Kleine nichts gemeinsam. Vielmehr stammt „der Racer“ aus dem Süden der Niederlande, genauer aus der Provinz Nordbrabant, die an die niederländischen Provinzen Limburg, Gelderland, Südholland und Zeeland und an die belgische Region Flandern grenzt. Ja, und nun steht er mit deutscher Staatsangehörigkeit, die ihm der TÜV Nord verlieh, in Wiefelstede und begleitete uns am vergangenen Wochenende in unsere alte Heimat. – „Hurra Butjarland, Du schast leben. Hurra Butjarland!“ (Butjadingen hat eine eigene, von Emil Pleitner verfasste, Hymne.)
Schon wenige Kilometer nach unserem Start kam es zu einem ersten technischen Halt: die Caravanspiegel räkelten sich noch behaglich in eine Wolldecke gewickelt im Wohnwagen und zeigten nicht das geringste Bestreben, sich in Richtung ihres Arbeitsplatzes zu begeben. Unvorstellbar, obwohl unser Captiva, der dynamische SUV für die ganze Familie, über markante Linien und Außenspiegel verfügt. An eine spontane Aufnahme ihrer Rückblick gewährenden Tätigkeit war einfach nicht zu denken. – „Wenn man nicht alles selber macht!“ Schließlich saßen sie fest, die beiden arbeitsscheuen Adjutanten. Unlösbar mit den Captiva Außenspiegeln verbunden und fest in ihrem Wirkungsbereich. Und da wir einmal „pausieren“, schnell noch die Kühlschranktür verriegelt. Irgendwer hatte dies bei der Abfahrt vergessen.
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Auf der Störtebekerstraße, die eigentlich Bäderstraße heißt und die ansonsten die anspruchslose Bezeichnung K197 trägt, geht es nach Sehestedt. „Störtebeker“, gleichfalls Klaas Störtebecker oder Nikolaus Storzenbecher genannt, das klingt nach Freibeuter, das erinnert an die berüchtigten Kapitäne Gödeke Michels und Magister Wigbold, das riecht förmlich nach den Anführern der auch als Likedeeler bezeichneten Vitalienbrüder. Das verspricht Abenteuer!
Wir lassen das Strandbad Sehestedt am Jadebusen links liegen und fahren kurz vor dem Ort Iffens auf dem Beckmannsfelder Weg in Richtung „Pütten“. (Anm.: Eine Pütte ist ein durch Erdaushub für den Deichbau entstandenes Wasserloch im Deichvor- oder -hinterland.) Seit 1986 ist dieser Bereich des Niedersächsischen Wattenmeeres als Weltnaturerbe und Nationalpark unter strengsten Schutz gestellt. Und das ist gut so. Wenn ich daran denke, wie mein Schulfreund Uwe und ich hier in den 1970er Jahren mit der Zündapp Sport Combinette (Baujahr um 1966) durchs Deichvorland bretterten, dann hat sich das Wattenmeer nun wirklich diese Ruhe verdient. Später fuhren wir noch mit den Autos bis an den Rand der Pütten, um dort im Scheinwerferlicht der VW 1303 (Käfer) und unserer Opel Kadett Coupes das auch bei den Bewohnern des Doppelkontinents Amerika gern in gehobener (Wochenend-)Stimmung veranstaltete skinny-dipping zu praktizieren. Allerdings nannten wir es seinerzeit „mit nacktem Hintern ins Wasser springen“.
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In Beckmannsfeld hat sich im Laufe der Jahre einiges verändert. Wo früher höchstens einmal ein Bauwagen des Küstenschutzes, die Zündapp, die Kreidler oder das verrostete Fahrrad eines Landwirtes, der seine Tiere zählte, standen, finden wir heute die „Wege ins Watt“ der Arbeitsgruppe Kunst am Deich. Wir mustern die hier installierte „blasse“ Bildhauerei, genießen den weiten Blick über den Jadebusen, über Butjadingen und auf die Salzwiesen und wählen dann den Weg zurück aus dem Wattenmeer in Richtung Kreisstraße, die in Iffens zur Landstraße 859 wird. Und schlechter wird sie obendrein auch: 50 Km/h. Wähnte sich der „Fliegende Holländer“ eben noch in lateraler Stabilität, für Nicht-Seebären: in ruhigem Fahrwasser, so gerät er nun ins Rollen und Wanken. Noch einmal für Nicht-Seebären: ins Schaukeln. Bei den nun dominierenden Straßenverhältnissen und angesichts der Tatsache, dass wir kein Ballastwasser in seitliche Schlingertanks pumpen können, müssen wir uns damit abfinden, dass unser Schiff durch den Seegang ins Rollen gerät. Und so rollen wir im wahrsten Sinne des Wortes nach Eckwarderhörne.
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Am äußersten Zipfel Eckwarderhörnes, dem Preußeneck, stellen wir das Gespann auf einem Parkplatz ab. Platz soweit das Auge reicht. Ich drehe zwei Ehrenrunden und stelle den nun ausgerollten „Flying Dutchmann“ am Rand der Stellfläche ab. Auf dem Nachbargrundstück frönt ein Jünger des 1966 im Niederösterreichischen Waldviertel geborenen Doppel-Grillwelt- und Fleischermeisters Adi Matzek seiner Passion, dem Grillen. Momentan befindet er sich noch in dem heiklen Stadium „vom Feuer zur Glut“, also in einer der kniffligsten Phasen des Grillanfeuerns. Er scheint ein Profi zu sein. Trotz seiner lebhaften Betriebsamkeit entgeht ihm nicht eine unserer Bewegungen. Und ich bin mir sehr sicher, am Klang der Münzen im Geldrückgabefach des Parkautomaten erkennt er, für welchen Zeitraum wir den Parkplatz gebucht haben. Und das ist gut so: wir sind uns gewiss, dass sich keine unbefugte Person unserem Gespann unbemerkt auch nur auf 7,35m nähern wird. Adi Matzeks Grillspezialist hat ein „hellhöriges Auge“ auf unseren Chateau ´39.

Vom Preußeneck blicken wir auf ein im Dunst liegendes Wilhelmshaven und den Jadebusen, die etwa 190 km² große Meeresbucht zwischen der Wesermarsch und der Ostfriesischen Halbinsel. Am Strand verfolgen wir das Schauspiel eines sonderbaren Trios mit Hund. Während sich zwei Personen ebenso ungeschickt wie vergeblich bemühen, ihren vollschlanken Vierbeiner ins Wasser zu treiben, bückt sich alle 2,50 Meter eine dritte Person, um irgendetwas aufzuheben und dieses Etwas dann stets mit einem schrillen Aufschrei oder begleitet von einem nicht gerade auf Erkenntnisvermögen basierendem Kreischen wieder zu Boden fallen zu lassen. – Auch eine unterhaltsame Art, sich und besonders andere, zu unterhalten.
Und dann ist da dieser Urlauber mit seinem unverwechselbaren schwäbischen Dialekt. – „A gschtandenr Mo!“ – Absolut kenntnisreich erklärt er seinen Begleiterinnen den Unterschied zwischen Ebbe und Flut, spricht von 12 Stunden und 25 Minuten und erläutert, warum der Austernfischer Austernfischer heißt und dass dieser Wattführer, dabei zeigt er auf ein Foto im Schaukasten des Kassenhäuschens der Fähre Eckwarderhörne – Wilhelmshaven, ihm sachverständiger erscheint als der Jan im letzten Urlaub. – „Ha no, des isch halt so!“ – Im Hintergrund krakeelt die gebückt gehende, ihre Fundsachen stets fallen lassende Frau. In Anerkennung der Erklärungen des Schwaben? Wohl kaum.

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Nordseeküste ohne Fischbrötchen, ist wie New York ohne Brooklyn Bridge! Wir brechen über Sinswürden, Tossens, Ruhwarden und Langwarden auf nach Fedderwardersiel. Kurz vorm Deich geht´s über das Fedderwarder Sieltief runter in den Sielhafen. Hier finden wir sie, die Oase maritimer Gaumenfreunden: Marschalls Fischspezialitäten. Es gibt natürlich auch das Hotel „Zur Fischerklause“ oder das Restaurant „Nordseeblick“ in „Fed-Siel“, aber was sind diese, sicherlich renommierten Restaurants, gegen den Imbisswagen, Am Hafen 7? Es folgt die formvollendete Begrüßung, wie sie nun einmal im Norddeutschen Tiefland üblich ist. Auf eine zugewandte Körpersprache achtend, zeugt sie nicht nur von der Fähigkeit, sich mit Leichtigkeit auf dem gesellschaftlichen Parkett, wie hier im Fedderwardersieler Sielhafen, zu bewegen. Nein, sie leitet mustergültig auch das Verkaufsgespräch ein ohne dabei die Erkundigung nach dem Wohlbefinden des Vaters, der ja in Landeshauptstadt des Freistaates Bayern lebt, zu vernachlässigen. – „Na, alles in Ordnung? Geht´s gut? Und was macht Vaddern? Geht´s ihm gut?“ „Ja, alles in Ordnung. Wir können nicht besser klagen, es geht ihm und uns sehr gut!“ – So, genug geplaudert. „Zweimal Bratfisch mit Pommes und Mayo, bitte.“ Erst einmal. Wir wollen mal sehen, ob sich unsere „Fangquote“ später noch steigern lässt. – Und sie lässt sich verbessern: frische Brötchen mit rohen Zwiebeln und in Kräutern eingelegtem Matjesfilet! Eine mich begleitende Dunstwolke dieser lukullischen, dem Meer entrissenen Delikatesse soll später die „beste Ehefrau von allen“ unbeabsichtigt doch jäh aus ihren Träumen im Wohnwagen reißen und Luna, die flinkste Ausreißerkönigin der Gattung Kleiner Münsterländer, Anlass zur augenblicklichen Flucht in neuer persönlicher Bestzeit aus dem „Fliegenden Holländer“ geben.
Ich koche Kaffee. Ich koche verlegen den Kaffee. Es gelingt mir, den Matjes nebst Zwiebeln und Co. mittels des wohl komplexesten Elementes im Charakter eines Kaffees, dem Aroma, aus dem Wohnwagen zu verbannen. Die „beste Ehefrau von allen“ lächelt, Luna schaut mit diesem fragenden Blick: „Gibt´s Leckerli zum Kaffee?“ in den Wohnwagen.
„Mensch, was willst Du Meer mehr?“ Wir sitzen in der Wohlfühlecke und schauen ins Fed-Sieler Hafenbecken. Da sucht es uns heim, ein nur kurz andauerndes, aber ungestüm eintretendes Niederschlagsereignis. Eine gute halbe Stunde regnet es „volle Kanne“. Der Sielhafen droht überzulaufen! Ich blicke auf die Uhr und rechne beängstigt. Zwölf Stunden und ca. 25 Minuten: Ebbe und Flut. Stehen wir hoch genug auf unserem Stellplatz im Hafenbereich? „Warschau! Frauen und Hunde in die Boote!“ (Für Nicht-Seebären: Warschau! = “Vorsicht” oder “Achtung”; dieser Warnruf wurde vor mehr als 100 Jahren von Seefahrern aus den Worten “wahrnehmen” und “schauen” gebildet.) „Ich hole mir nur noch schnell ein letztes Matjesbrötchen vom vorbeitreibenden Imbisswagen!“ – Die Apokalypse bleibt uns erspart! Die vier auf das Weltende hinweisenden Reiter scheinen sich in Butjadingen verritten zu haben. Sie finden uns nicht.

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Wir suchen und finden den Weg nach Nordenham. Über Burhave fahren wir an die Wesermündung. Blexen. Ja, hier wohnten wir viele Jahre und jedes Mal, wenn wir nun durch diesen Nordenhamer Stadtteil fahren, dann freuen wir uns. Freuen uns, dass wir 1998 nach Wiefelstede ins Ammerland umzogen. Wir fahren umher, wir „cruisen“. „Halten & schauen“ hier und da in Nordenham, besuchen den Atenser Friedhof und fahren schließlich auf der B212 in Richtung Brake/Utw.
Kurz hinter Rodenkirchen werden wir von einem im Konvoi fahrenden Trio, im geografischen Sinne osteuropäischer Reisender, auf dem Rüttelstreifen der immer mehr endenden Überholspur und trotz regem Gegenverkehrs passiert. Vier Kilometer später treffen wir an der Kreuzung B212/Breite Straße/Oldenburger Heerstraße (B211) wieder auf sie. Sie haben sich in der falschen Spur eingeordnet und wir dürfen uns schon jetzt auf eine erneute Begegnung mit ihnen auf dem Weg nach Oldenburg freuen.
Weiter geht es auf der B211 und A293 zu Metro Cash & Carry. Was hat dieser Großmarkt mit einem Ausflug zu schaffen? Nichts! – Der nun folgende Einkauf beendet unseren zweiten, der eigentlich der vierte Tagesausflug ist, mit dem „Flying Dutchman“.

Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen.

… stellte schon der “olle Goethe” fest. – „Na, dann mal los! Hi, ho Silver, away!“ – Der Wohnwagen ist gepackt, Luna, die Kleine Münsterländerin, versorgt und auf ihrem Platz im Fond, das Auto aufgetankt, keine Straßenkarte an Bord: „Warum auch? Es gibt ja Navis!“ und auf geht die wilde (erste längere) Fahrt mit dem Wohnwagen. – Wild sollte sie dann schon wegen des vernachlässigten Straßenatlasses auch werden.
Rauf auf die A29. Erst einmal „Strecke machen“. Bei Cloppenburg runter von der Autobahn und weiter geht´s auf der B213 in Richtung eben dieser Stadt, deren aufgeschlossene Menschen und das rege kulturelle Leben sie zu einer Lebenswerten machen. Es beginnt zu regnen. Na und? Wir sind beim Cloppenburger Museumsdorf. Es regnet Bindfäden. So´n Schiet! Was soll´s? Emstek! Da wollte ich schon immer mal hin! Bundesstraße 72, dann auf die L836 und „zack“ sind wir da. Wir verfahren uns erst einmal im Gewerbegebiet „eco-Park“, denn die Zufahrt zu diesem Bereich ist sehr liebevoll angelegt und lässt den hier angesiedelten Gewerbepark erst einmal nicht vermuten. „Vorwärts, Luna. Wir müssen zurück!“ und ich wende das Gespann. Wenden? In meinem ersten Leben bei der Bundesluftwaffe bewegte ich MAN mil gl, eine militärische Sonderentwicklung geländegängiger Lastkraftwagen, inkl. 3-achs Anhänger (Gespannlänge gute 20 Meter, Spurweite 2900 mm) und Anbaudrehkran (2,5 t) der Firma Atlas „mit Links“ in Feld, Wald und Flur. Und nun? Der „kleine“ Chevrolet Captiva und mein „Fliegender Holländer“ (ein niederländischer Wohnwagen mit 1000 kg) erscheinen mir gigantisch! Wo ist das Flugfeld auf dem ich wenden kann? Nirgendwo! Zum Glück gibt es diese besondere straßenbauliche Art des Verkehrsknotenpunktes. Ja, ich meine einen „Verkehrskreisel“. Ha, rein in den Verkehrsknotenpunkt und als Tribut an meine 9. Klasse Gymnasium Nordenham, noch eine Ehrenrunde gedreht und nichts wie weg.
Schnell ist die B72 überquert und wir brechen auf in Richtung Cappeln. Bis heute war mir der Ort völlig unbekannt. Kappeln, das liegt doch in Schleswig-Holstein, an der Schlei und der Ostsee. Nun stehen „das Frollein“ und ich vor der neugotischen St. Peter und Paul Kirche und staunen. Nicht lange, denn die „Madam“ muss mal. Das kann sie mir nicht sagen, aber wenn sie mal gerade nicht „stiften geht“, dann verstehen wir uns ohne Worte. Sprachlos hingegen bin ich stets, wenn Frollein Luna sich autonom entscheidet, Herrchen Herrchen sein zu lassen und unangekündigt die Verfolgung von z.B. diesen wuscheligen Wildkaninchen aufnimmt.

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Wir stehen also vor Peter & Paul und entscheiden uns, „ihren“ Friedhof einer näheren Untersuchung zu unterziehen. Kaum dass wir einen Fuß auf den Gottesacker setzen, taucht da diese Frau auf. Ihre Aufgabe besteht in der lückenlosen und gestrengen Überwachung des Kirch- und Friedhofes, so scheint es uns. „Guten Morgen!“ „Moin.“ Nicht nur Luna an der kurzen Leine, auch die „Frau Kirch- und Friedhofswächterin“ ist an diesem Morgen sehr kurz angebunden. – Ja, wir gehen ja schon.
Über Bakum gelangen wir nach Vechta. „Vechta? Kenn´ ich!“ Einige Monate führte mich mein täglicher Weg „zum Bund“ nach Diepholz an der Universitätsstadt vorbei. Vechta ist es wert, einmal zu verweilen. Also „hinein ins Getümmel der Innenstadt“. Jetzt habe ich die Rechnung ohne das Straßenbauamt gemacht: Umleitung. Keine Wendemöglichkeit! Verbot der Einfahrt! Fernverkehr-Umleitungsschilder (= „Nun aber sofort wieder raus aus unserer Stadt und zwar dalli dalli!“). Tolle Begrüßung, aber ich kenne mich ja aus! Doch schon bald weder ein noch aus! – „Luna, wir fahren weiter!“
Über die B69 und B51 ist es ein Katzensprung nach Diepholz. Glaubte ich bis jetzt noch, ich bin mit meinem Gespann nicht immer der Schnellste und „behindere“ den Verkehrsfluss, so werde ich nun durch einen Traktoristen, den zu überholen es schier unmöglich ist, auf der B51 eines Besseren belehrt. – „Wenn Langsamfahrer rasend machen“ wird der Arbeitstitel meiner nächsten Geschichte lauten.
In Diepholz werfen wir bei leichtem Nieselregen einen Blick auf meine alte Schaffensstätte, den Fliegerhorst, und brechen danach in Richtung Rehden auf. „Mal sehen, ob Enno schon pensioniert ist.“ Nein, ist er noch nicht. Erst Anfang August wird er sein 1. Ausbildungsjahr zum Ruhestandsbeamten antreten. „Tja, das ist sie, die Ungunst der späten Geburt, mein Lieber.“ – „Die Jugend wäre eine schönere Zeit, wenn sie erst später im Leben käme.“ – Charlie Chaplin.
Also, schöne Grüße an Bärbel und auf geht es in Richtung Wagenfeld. Luna und ich halten verantwortungsbewusst und vorausschauend unsere Reisepässe bereit. Dann passiert es: kurz vor Preußisch Ströhen überschreiten wir die Grenze nach Nordrhein-Westfalen. Und … nichts passiert! „Europa, wir lieben Dich!“
In Rahden stoppen wir beim Lidl. Der Parkplatz ist eben so klein wie unmöglich zugeparkt. So sind sie, die Nordrhein Vandalen! Kein Herz für wohnwagenreisende Ferienmenschen“, scheint das Frollein mir sagen zu wollen und rollt sich unzufrieden ein.
Es gelingt mir, eine Lücke zu entdecken oder sollte ich fairerweise gestehen zu erzwingen. Was steht dieser Geldtransporter auch so verschwenderisch vor dem Eingang der Filiale? Die beiden Herren sind bewaffnet! Na und? Wir haben Hunger! Noch ahnen wir nicht, dass unser Mittagessen ausfallen wird.
Wir suchen uns mal eben ein lauschiges Plätzchen zum Pausieren. Nachdem wir vor lauter (Fern-) Verkehr und mangelnder Möglichkeiten auch „mal eben“ nach 1,5 Stunden nicht annähernd etwas finden können, naht die Rettung: der Hinweis auf einen Wanderer-Parkplatz. Wir sind inzwischen über Espelkamp und Lübbecke im Wiehengebirge eingetroffen, als in Bad Holzhausen an der B65 eine schwarze Katze unseren Weg kreuzt. Von links nach rechts! Ich erspare mir jeden abergläubischen Kommentar. Wir sind doch aufgeklärte Menschen!

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In der Nähe des Landschaftsschutzgebietes Limberg und Offelter Berg erahnen wir den Landwehrbach, den wir aber nicht zu Gesicht bekommen. Steil ist der Weg zum ersehnten Parkplatz. Sehr steil. Also, eigentlich fürchterlich steil. Der Captiva kämpft, der „Fliegende Holländer“ ächzt flügellahm. Wir sind angekommen. Das soll ein Parkplatz sein? Dieses Gästehandtuch! Der Weg endet. Rechts eine gepflasterte Spur, die erahnen lässt, hier muss ich den lebensüberdrüssigen Versuch unternehmen, das Gespann wenden und parken. Aber ich fahre kein extrem geländegängiges ARGO Amphibienfahrzeug 8×8! Und der „Fliegende Holländer“ trieb sich zwar auf den sieben Weltmeeren herum, aber auf Erkenntnisse aus dem Extremklettern und freeclimbing können weder er, noch ich zurückgreifen. Nach einem halsbrecherischen Wendemanöver parken wir. Irgendwie! – „Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut, etwas zu riskieren?“ – Vincent van Gogh.
Mit dem Mut der Verzweiflung gehe ich daran, das Frollein zu versorgen und, leiser Trommelwirbel setzt ein, den Wohnwagen, der quasi „in der Wand hängt“ zu betreten. Nicht ohne diesen zuvor mittels Unterlegkeilen und einer sehr speziellen Seiltechnik gesichert zu haben. Warum ächzt er weiterhin? Ich meine, er möchte sich des Zugfahrzeugs entledigen und dieses ins Tal entlassen.
Ich steige in den „Fliegenden Holländer“. Nein, ich falle eigentlich kopfüber hinein. Ich denke, ich bin in Trassenheide! Hier, auf der Insel Usedom, findet man das erste auf dem Kopf stehende Haus Deutschlands. Augenblicklich erkenne ich, wo in unserer Republik der erste auf dem Kopf stehende Wohnwagen steht! Ich greife mir einen Klappstuhl. Quasi von der Decke und versuche, diesen am Steilhang aufzustellen. „Wo bitte steht hier die versteckte Kamera?“ Schließlich sitze oder zutreffender sollte ich schreiben: schließlich habe ich mich mit meinem Stuhl am Wiehengebirge angelehnt. Aus dieser Schräglage heraus beobachte ich einen Mann, der seinen Briefkasten leert. Sein Hund eilt ihm voraus und entdeckt die beiden Ammerländer „in der Wand“. Nun nimmt uns auch der Mann wahr. Ich kann seine Gedanken buchstäblich hören. Entgeistert schreien sie: „Was machen die da?“ – Ja, das wüssten wir auch gern. Gern wüsste ich auch, wie Mann (und Frau) in 12%iger Schräglage Wasser kocht.
Die schwarze Katze aus Bad Holzhausen war längst vergessen als ich ortsfremden Geruch wahrnehme. Natürlich stehe bzw. liege ich zu diesem Zeitpunkt noch im Wohnwagen. Ein Blick unter meine Schuhsohle bestätigt den Verdacht des Hundehalters: Ja, es ist …! – Ist das die Belohnung dafür, dass ich stets die Hinterlassenschaften unserer Luna einsammle und entsorge? Schuld war natürlich die schwarze Katze. Ich kann mir vorstellen, warum man sie einst als Gehilfe der Hexen und des Teufels selbst verdammte. „Haben Sie schon einmal das grobstollige Profil eines All Terrain Multifunktionsschuhs mit einem klitzekleinen Zweiglein gereinigt?“ Das wollen Sie nicht wirklich! – Das Mittagessen fällt aus! Wir brechen unser Lager in den Ausläufern der Berner Alpen, früher auch das Wiehengebirge genannt, ab. – „Prüfungen erwarte bis zuletzt.“ – Johann Wolfgang von Goethe
Plötzlich stehen wir in Hiddenhausen. Hiddenhausen? Durch die günstige Verkehrsanbindung dieser Gemeinde an die A2, die A30 und die Bahn sowie die Bereitstellung von geeigneten Gewerbeflächen kann Hiddenhausen interessierten Betrieben hervorragende Standortbedingungen bieten, sagt der Bürgermeister. „Ach, so!“ sagen jetzt Sie, „dieses Hiddenhausen!“ Uns reicht es. Nicht Hiddenhausen, aber unsere bisherigen Abenteuer. Es zieht uns auf die A30 in Richtung Kreuz Osnabrück-Süd. Stau! „Na, Luna, Du hast Glück, dass ich mich hier auskenne!“ Durch meine zahlreichen Fahrten für eines der größten Unternehmen der europäischen Möbelbranche mit Hauptquartier in Westerstede, schlage ich sofort die Flucht in Richtung Osnabrück-Nahne ein. Und ab geht es über die Iburger Straße und auf Schleichwegen zurück in Richtung usA (unser schönes Ammerland).
Irgendwann spült es uns in Höhe Bramsche wieder auf die A1. Wir werden rastlos und wollen noch nicht anhalten. Mindestens bis zum Dreieck Ahlhorner Heide halten wir durch. Das Frollein ahnt nichts von „unserem“ Vorhaben. „Kapitäne der Landstraße“ tummeln sich zahlreich und „flink“ auf der Autobahn. Einer hat das Glück und darf uns seinen Windschatten spendieren. Mit „großzügigen 80 Km/h“ geht es Richtung Norden. Andere Kapitäne sind besonders großzügig unterwegs und überholen uns am laufenden Band. Bis dato war mir nie aufgefallen, dass es verchromte Kraftstoffvorratsbehälter, gemeint ist der Lkw-Tank, gibt. „Ja, rast Ihr nur! Nehmt die schöne Landschaft gar nicht erst wahr, Ihr Rennfahrer!“ – Ein wenig sehnsuchtsvoll blicke ich auf ein 130 km-Schild. Ein Tempo, das mich früher an den Rand der Verzweiflung brachte: „Schon wieder vom Gas! Wie kann man nur so dahin schleichen (müssen)?“ Ich blicke, um mich abzulenken, auf das Heck des vorausfahrenden und windschattenspendenden Lkws: „Have a break, have a kitkat!“
War es die kitkat-Aufforderung zur Pause oder das Plätschern des Dinklager Mühlenbachs in Höhe der Anschlussstelle Holdorf? „Fräulein Luna“ muss mal. Die Anschlussstelle Lohne/Dinklage naht. Bis zur AS Vechta will ich sie nicht warten lassen. Runter von der A1, rauf auf die Dinklager Straße und irgendwo diskret „einmal für kleine Mädchen“ … ja, und auch für den Steuermann des „Fliegenden Holländers“ lautet das Kommando: „Leichtern!“ Mit etwas weniger Tiefgang steuern wir zurück zur A1.
Bis vor wenigen Tagen hatte ich nicht die leiseste Ahnung von Wohnwagen & Co. Jetzt sitze ich im Auto, ziehe seit einigen hundert Kilometern einen Caravan hinter mir her und plane, wie ich was am besten wo und wie im rollenden Wohnzimmer verstaue und besonders vor einem „Sich-Selbständig-Machen“ sichere. Ich veranstalte ein kleines und nichtöffentliches „Ergründerseminar“: Wie konnte ich den Straßenatlas ignorieren? Warum gibt es im Raum Lübbecke-Rahden-Herford nicht so zahlreiche und wendefreundliche Parkplätze wie ich diese aus usA (unserem schönen Ammerland) kenne? Wenn durch unser schönes Spohle tagtäglich hunderte von Lastkraftwagen fahren, wo kommen dann die tausende Brummis im „Zollgrenzbezirk“ Niedersachsen/Nordrhein Westfalen her? Warum erwartet mich nach jeder Fahrt stets als erstes der Tisch an der Tür des „Flying Dutchman“? Warum fällt immer dieses eine Sitzkissen von der Bank? Wie bringe ich den Vorrat der 1,5l Wasserflaschen dazu, auch nach kurvenreich(st)er Fahrt „in Grundstellung zu verharren“? Warum liegen die Handtücher trotz zweckdienlicher Haken stets am Boden? Wo lasse ich Klappstühle und -tisch? Ich will sie nicht ständig ins Auto stellen müssen. Wo bewahre ich das so wichtige und hilfreiche Kleinmaterial griffbereit auf? Brauche ich einen Rauchmelder im Wohnwagen? Brauche ich einen Feuerlöscher? Und falls ja, wie groß sollte dieser ausfallen? Warum nimmt der ansonsten tadellos funktionierende Kühlschrank im Gasbetrieb nur widerwillig seine Dienste auf? Soll ich mir ein „Wohnwagen-Fahrrad“ besorgen? Einen Fahrradträger haben wir ja huckepack dabei. – „Niemand ist weiter von der Wahrheit entfernt als derjenige, der alle Antworten weiß.“ – Zhuangzi (chinesischer Philosoph und Dichter)
Inzwischen rollen wir im Konvoi auf der A29. Ich schaue auf den Lether Baggersee und werfe einen Blick in die Rückspiegel: zwei Gespanne habe sich uns angeschlossen und gemeinsam „zischen“ wir mit den bereits erwähnten „großzügigen 80 km/h“ in Richtung Kreuz Oldenburg-Ost. Nein, ich werde auch in dieser Situation nicht Country & Western Fan werden! Ob die Insassen auch über wandernde Tische, umherpolternde Wasserflaschen, umherfliegende Handtücher und leicht aufmüpfige Kühlschränke brüten? – „Brüten Sie noch oder Urlauben Sie schon?“
Plötzlich ist er neben uns: der Snobby de Luxe 545 KMF. 1750 Kg Wohnlandschaft rauschen mit „großzügigen 100 Km/h“ an uns vorbei. Für Sekundenbruchteile meine ich, den Geruch lederbezogener Lichtschalter und Steckdosen wahrgenommen zu haben. Der Beifahrer würdigt uns, also Luna, dem „Fliegenden Holländer“ nebst Zugfahrzeug und mir, keines Blickes! „Hallo? Wo und wer sind wir denn? Wie sind wir denn drauf? Sind wir nicht alle eine Familie freiheitsliebender Zugvögel?“ – Nein, sind wir nicht. – Und so lerne ich auf unserer heutigen Ausfahrt neben Fahrzeugverhalten, vorausschauendem Fahren und der Bewältigung von Parkplatz- und Ladungssicherungsproblemchen noch etwas dazu: „Ein stolzer Mensch verlangt von sich das Außerordentliche. Ein hochmütiger Mensch schreibt es sich zu.“ – Marie von Ebner-Eschenbach. (Und Marie, die kannte gar keinen Caravanbeifahrer.)
Home on the range! Wir stehen wieder auf unserer Auffahrt in Wiefelstede. Ein wenig müde, aber zufrieden mit Gott und der Welt. Um einige wertvolle Erfahrungen und Ideen reicher und bereits mit der Route der nächsten Testfahrt im Sinn. Vor meinem geistigen Auge „hänge ich dann nicht im Klappstuhl in der Wand“, sondern sitze entspannt im Grünen und lese in einem der vielen Bücher, die ich bereits und als erstes im „Fliegenden Holländer“ verstaut habe und „die beste Ehefrau von allen“, wie sie in den meisten Büchern des weltberühmten Humoristen Ephraim Kishon auftritt, sitzt neben mir. Wir trinken Kaffee, Luna erkundet trotz Brut- und Setzzeit (1. April bis 15. Juli d.J.) das Terrain. Natürlich an der Leine! Nein, nicht in Hannover, sondern an der Schlepp- bzw Schweißleine.
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„Wir werden das Kind schon schaukeln, nicht wahr Luna?“ … „Luna?“, „Luuuuuuuuuuuuuuuuuuna!“ – Nun erblicke ich das kleine Puschelschwänzchen eines flüchtenden Wildkaninchens und den Kondensstreifen meiner Heidewachtel, die sich mit ca. 1,5facher Lichtgeschwindigkeit ins benachbarte Maisfeld verflüchtigt.

Erlebt im Juni 2014
Ronald Stock