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Alltägliches & Co. aus und um Wiefelstede

Vorweihnachtliche Modellbahnnische

Ich gehöre der Generation an, die sich in der Vorweihnachtszeit die winterlich rot verkühlte Nase an der Schaufensterscheibe des örtlichen Spielwarengeschäfts plattdrückte. Warum? Weil dort eine Modelleisenbahn ihre Runden drehte. – „Kenne ich: „Railroad Tycoon“. Das Computerspiel, das den erfolgreichen Aufbau einer Eisenbahngesellschaft zum Inhalt hat! Eine Wirtschaftssimulation.“

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aus: “für die Freizeit … Faller”. 1960/61

„Nein, es ging schlicht und einfach um die maßstäbliche Nachbildung einer echten Eisenbahn. Nur im viel kleineren Format 1:87 (HO)“

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aus: “Jahreskatalog 1962/63”. Faller

Wirtschaftssimulation? Liebe smartphone- und iPhone/iPad infizierte „Generation Head Down“, wir spielten seinerzeit, wir ahmten nach und konnten loslassen, um im Garten auf Bäume zu klettern oder „Cowboy und Indianer“ zu spielen. Wir fühlten und erlebten. Unter einem Spiel verstanden wir noch nicht „den subjektiv wahrgenommenen, durch ein Produkt und marketingpolitische Maßnahmen vermittelten Beitrag zur Lebensqualität“.

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aus: “Jahreskatalog 1961/62”. Faller

Nun will ich nicht „9×klug“ daher schreiben, denn zu meiner Zeit, vor ca. fünfzig Jahren hätte sich dieser Text dann aus “belehrender Sicht” in etwa so gelesen: „Ja, ich gehöre der Generation an, die sich in der Vorweihnachtszeit die winterlich rot verkühlte Nase an der Schaufensterscheibe des örtlichen Spielwarengeschäfts plattdrückte. Warum? Weil dort Brummkreisel, Blechspielzeug und Mundharmoikas ausgestellt waren.“ – Modelleisenbahn? Liebe Taschenrechner-Generation, wir spielten „Inne mine, mu, und aus bist du“ oder das „Hölzchen-Versteckspiel“. Wir fühlten und erlebten. Wir spielten wahrhaftig und „hockten nicht im Haus“, um uns mit einer Spielzeugeisenbahn, die dazu auch noch neuzeitlich elektrisch betrieben wird, zu vergnügen.

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aus: “Flugzeug-Modell CONVAIR 440 Metropolitain 1:100”. Faller

Wie komme ich auf diese schrägen Gedanken? – „Schuld allein“ hat mein MoBa-Mitstammtischler Karl-Heinz, den ich heute als „Nischenmodelleisenbahner“ auf einer vorweihnachtichen Ausstellung in Leuchtenburg besuchte und der mich mit Faller-Modell-Bausatz-Katalogen aus den 1960er Jahren versorgte. – Darin stöbernd kommt Mann auf die “wildesten” Ideen …

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FALLER-Modellbau. Zauber einer Welt im Kleinen. Jahres-Katalog 1961/62. Damaliger Katalogpreis 0,60 DM

Da wurden viele Erinnerungen wach. – “Vielen Dank, Kalle!”

Tierische Begleitung

Neulich auf dem Kuhhornsweg … verfolgte uns dieses Rotkelchen, ließ sich seelenruhig auf einem Zweig nieder und fotografieren.  – Das gibt´s nicht alle Tage.

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Ob Männlein oder Weiblein …? – Beim Rotkehlchen sehen sie identisch aus
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Hallo? Wenn hier jemand fotografiert wird, dann wohl ich!

Nachtrag: Irgendwann verlor ich den Objektivdeckel meiner Kamera. Er war unauffindbar. Fast unauffindbar: jemand entdeckte ihn, deponierte die Kappe auf diesem Ast und so bekam ich ihn zurück. – Besten Dank an die/den unbekannte(n) FinderIn!

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“Wenn ein freundlicher Mensch auch noch zuverlässig ist, dann haben wir es schon mit einem halben Engel zu tun.” – Ernst R. Hauschka (deutscher Aphoristiker und Lyriker)

Es war einmal

33 Jahre Papierkrieg aus meiner Zeit als Berufssoldat. – Leistungsnachweise, Besitzzeugnisse, Versetzungsverfügungen, Kommandierungen, Urkunden, Änderungsmeldungen, BA 90/5er,  Reisekostenabrechnungen, Fotos, Adresslisten,  Vergleichsmitteilungen, Lehrgangszeugnisse,  Beschwerdebescheide, Dienstzeitbescheinigungen, Bekleidungsnachweise. Das alles und noch viel mehr habe ich heute “überarbeitet”, d.h. aufbereitet und der Wiederverwertung zugeführt. Wie lange dauert dies? Keine 33 Jahre, aber trotz eines sehr leistungsfähigen Reißwolfes, einige Stunden. Und warum berichte davon? Vergangenheitsbewältigung? – Sicher!

Gedanken

5.45 Uhr Oldenburg-Etzhorn. Stubbenweg. Wir treffen uns werktäglich auf dem großem Parkplatz einer Einzelhandelskette, stellen hier geduldeter Weise unsere Autos in die Ecke bei den Altglascontainern und fahren gen Diepholz. Anfangs nehmen wir die Autobahn, später weichen wir hinter der Huntebrücke an der AS Wardenburg auf die Oldenburger Straße aus.

Ist einfach zu stressig, diese ständige Drängelei notorischer Linksfahrer. Der Berlingo rollt und wir sind viel entspannter auf Bundes- und Landstraßen unterwegs. Ich bilde es mir jedenfalls ein.

Oft kommen uns die letzten Wohnmobile mit den roten Herzen in den Fenstern von ihren nächtlichen Einsätzen entlang der Wikingerstraße entgegen. Vorbei geht es am „Tüddick“, der an einem Neujahrsmorgen in Flammen aufgehen wird.

Die Oldenburger- wird zur Sager Straße. Wir passieren den Commonwealth War Cemetery in Sage. Regelmäßig steht hier ein belgischer Lieferwagen. Es dauert zwei Wochen, dann haben wir heraus, dass es sich um eine Gärtnerei handelt, die die Anlage pflegt.

Vor Ahlhorn wird die Sager- wieder zur OldenburgerStraße. Ob die sich nicht einigen konnten? Gegen 6.15 Uhr nähern wir uns dem Kreisel Wildeshauser-/Vechtaer Straße. Fast jeden Morgen treffen wir hier auf den aus Richtung B213 tief einfliegenden Hitzkopf, der unbeirrt die Meinung vertritt, wer am schnellsten in den Kreisverkehr rauscht, hat Vorfahrt. Wir wissen, wie er tickt und lassen ihn ziehen.

Oft nehmen wir uns vor, den Schnellimbiss an der Hanse-/Visbeker Straße in Schneiderkrug zu besuchen. Wenn wir Zeit haben, vielleicht einmal an einem Freitagnachmittag? Wir werden diese Zeit nie haben oder besser, wir werden sie uns nicht nehmen.

Wenn wir jetzt nicht überholen, dann fahren wir bis zur Ortsumgehung Vechta hinter diesem LKW her. Die lange Gerade verleitet zum zügigen Fahren. Sofern man im Falle meines Citroën Berlingo Hdi von Eilen sprechen möchte. Bis 120 Km/h ist es eine Feude, mit dem Bär Lingo zu fahren. Verbrauch und Geräuschkulisse stimmen. Geschwindigkeiten jenseits dieser Marke gehen ins Ohr und den Geldbeutel.

Vorbei am Baggersee „Am Berg“. Mit den vielen von der B69 abzweigenden Wegen ins Moor, die sinniger Weise auch Moorweg oder Vor dem Moore heißen, ergeht es mir, wie mit dem Schneiderkrugschen Schnellimbiss. Ich möchte unbedingt einmal dorthin, werde es aber nie machen. Dabei sind das Boller Moor und Lange Lohe sowie das Aschener Moor und das Heeder Moor vor Diepholz im Frühjahr und Herbst ein (aus der Ferne) sehenswertes Rückzugsgebiet für Kraniche & Co.

Carsten und ich haben während unserer gemeinsamen Fahrten alle Themen dieser Erde besprochen. Es gibt keine Geheimnisse mehr, die sich uns nicht erschlossen haben. Es ist eine Freude mit ihm zu fahren. Er ist ein guter Begleiter, Ratgeber und Zuhörer. Unsere Gespräche gehen oft in die Tiefe. Manchmal sprühen sie vor Humor und ab und zu nehmen wir uns die Freiheit und Lästern schon einmal. Über dieses und jenes, über diese und jenen. Das schöne dabei ist: nichts davon verlässt den Fahrzeuginnenraum. Wir sind verschwiegen und dies nicht nur aus dienstlichen Gründen.

Diepholz. Maschstraße. Wir sind am Ziel. Carsten widmet sich seinen Auszubildenden und Baumaschinen. Und ich versuche, die Truppe an kostenverantwortliches Handeln zu erinnern. Ich arbeite vorübergehend als Controller und Verantwortlicher für die (Arbeits-)Prozessoptimierung. Nein, kein Traumjob. Eine Pflicht.

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Und wenn diese Pflicht zur Qual wird, setze ich mich auf mein Fahrrad, fahre in die “Sandkiste” und “controlle” bei “meinen” Pionieren. Zwischen Ahlmann, Atlas, Zettelmeyer und Faun fühle ich mich wohl. Die lärmen nicht nur, die schaffen auch etwas!

Inzwischen bin ich seit sechs Jahren zu Hause, d.h. ich bin im Ruhestand. Mit dem Erreichen der besonderen Altersgrenze für Berufssoldaten, enden auch tägliche Rituale. Heute sitze ich in einem Wartezimmer im Oldenburgischen und erwarte die mir anvertrauten Kinder. Später werden auch wir Gespräche während der Fahrt führen. Sie werden sich von den Diskussionen, Debatten und Dialogen, die ich so gern mit Carsten führte, unterscheiden, aber ich freue mich auch darauf.

Schaffe, schaffe, …

“… Häusle baue, und net nach de Mädle schaue.”
Die Redewendung stammt ursprünglich aus dem Schwäbischen.
In unseren Breitengraden, exakter in der Bauerschaft Hassel, hieß es heute: “Schaffe, schaffe, Häusle baue, und auch nach dem Bussard schaue!” – Dieser war heute morgen bedrohlich nah.

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Draußen vor der Tür

… vor der Haustür Wiefelstedes, stellen “das Frollein” und ich immer wieder fest: “Auch Umwege erweitern unseren Horizont.”  (Zitat: Ernst Ferstl, österreichischer Lehrer und Schriftsteller)

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Luna hat sie längst endeckt: eine Waldschnepfe.

Nein, wir haben die Waldschnepfe nicht mit einer Bekassine verwechselt. Warum? 1. “tierischer” Instinkt, 2. ich hab´ im Bio-Unterricht aufgepasst (verhältnismäßig langer Schnabel und kurze Beine; die Waldschnepfe, nicht ich).

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“War ich gut?” – “Ja, Du warst sehr gut!”

Da behaupte noch einmal jemand, in der Natur lernt man nichts! Heute morgen stand “Geometrie” auf dem Stundenplan im “Klassenzimmer Nordholtsweg”.

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In jedem Dreieck beträgt die Summe der Innenwinkel 180°

Da lachen ja die Hühner!

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Mancher gibt sich viele Müh’ mit dem lieben Federvieh; einesteils der Eier wegen, welche diese Vögel legen, zweitens: weil man dann und wann einen Braten essen kann … (“Max und Moritz”. Erster Streich – Wilhelm Busch),

Römer 12, 19

In meinen Gedanken kreisen und jähren sich viele Erlebnisse. Ich entlasse einige:

Die Adventszeit ist magisch: die Jahresabschlussfeier ist „abgearbeitet“, der Dienstbetrieb wird, abgesehen von den „mach-mal-eben-Jobs“, dem „das-muss-noch-vor-Weihnachten-vom-Tisch“ und den „schnell-noch-eine-Statistik-für-den-Personalstabsoffizier-Nebentätigkeiten“, ein wenig entspannter. Hier und da duftet es sogar nach Weihnachtsplätzchen. In der Adventszeit geht es ums Warten, um die Vorfreude auf Weihnachten. Und auch um das Warten auf die letzte „Neuzuschleusung“ des Jahres. Die Versetzung neuer Soldatinnen und Soldaten, die ihre Grundausbildung abgeschlossen haben, in ihre neue sog. Stammeinheit.

19. Dezember. Alle sind da! Alle? Nein, es fehlt ein Kamerad aus der Freien und Hansestadt mit der berühmten Hauptkirche St. Michaelis, dem Michel.

„Na, dann können wir ja Schluss für dieses Jahr machen!“ Ein unbekümmerter „Chefvertreter“ verabschiedet sich und die Staffel aus dem allgemeinen Dienstgeschäft. Die vorweihnachtliche Liegenschaft „gehört” plötzlich mir. – „Ach ja, der B. fehlt ja noch, aber Sie machen das schon. Fröhliche Weihnachten!“

B. ist nicht der Erste und für mich ist es auch nicht das erste Mal, dass sich ein junger Soldat auf dem Weg zu uns „verirrt“. Ich eröffne den vorweihnachtlichten „Fahndungsreigen“. Erst einmal unter dem Aspekt: Schutz einer vermissten Person. – „Hoffentlich ist ihm nichts passiert.“

Schnell komme ich zu der Erkenntnis, dass ich B. unter normalen Umständen in diesem Jahr nicht mehr zu sehen bekomme. Er wurde nämlich gar nicht aus seiner Grundausbildungseinheit „abgeschleust“, d.h. ordnungsgemäß in Marsch gesetzt. Wie auch? Er fehlt dort seit mehreren Tagen. Ist nur keinem aufgefallen! Oder wollte es niemandem so kurz vor Weihnachten noch auffallen?

Ich nehme Verbindung zu mehreren Polizeikommissariaten auf und werde fündig: B. sitzt z. Zt. ein. Gewerbsmäßige Förderung der Prostitution. Er sei noch kein „schwerer Junge“, brauche aber lt. Staatsanwaltschaft nun doch einmal ein „tiefgehendes und hoffentlich heilsames Erlebnis“. Sein voraussichtlicher Erlebnis-Entlassungstermin: 6. Januar.

Irgendwann steht er, weit nach dem besagtem 6. Januar, vor mir. Eigentlich ein netter Kerl. – „Hätte nie gedacht, dass …“ – So kann man sich täuschen. Nützt alles nichts, ein stählern durchgreifender nächsthöherer Disziplinarvorgesetzter urteilt: “Wer eigenmächtig seine Truppe oder Dienststelle verlässt oder ihr fernbleibt und vorsätzlich oder fahrlässig länger als drei volle Kalendertage abwesend ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft.” (Auszug: §15 Wehrstrafgesetz (WStG) Eigenmächtige Abwesenheit.) B. geht für sieben Tage in den Arrest. Ohne Teilnahme am täglichen Dienstbetrieb. Höchststrafe. Wer den Vollzug in der Bundeswehr kennt, weiß warum.

Ich fasse mich „in Sachen B.“ kurz: er kann aus seinen „tiefgreifenden und heilsamen Erlebnissen“ leider nichts lernen. Die Befähigung seiner Lernbereitschaft tendiert in Richtung beklagenswert und unentwickelt. Im Laufe seiner damals 9monatigen Wehrpflicht „fährt er wiederholt ein“. Irgendwann droht auch meine Geduld zu schwächeln und ich besuche ihn nicht mehr regelmäßig in der Arrestzelle.

Niemand hatte sich bis dato überhaupt um B. gekümmert, was keinen kümmerte. Ich kümmere mich nun vorerst auch nicht mehr intensiv um ihn. B. beschwert sich, bekommt recht und ich einen Termin beim nächsthöheren Vorgesetzen. – „Es braust ein Ruf wie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und Wogenprall.“ – Ich bekomme einen dröhnenden Vortrag über die „Pflichten des Vorgesetzten“ und bin dennoch nicht betrübt, als ich „den Herrn da oben“ verlasse.

Neben Neapel erhebt sich der Vesuv, einer der gefährlichsten Vulkane der Welt. Die Neapolitaner leben damit. Ich diene unter einem womöglich gefühlsmäßig leidenden Menschen, dessen Wahrnehmung und Urteilskraft im Laufe der Zeit und unter der geregelten Einwirkung „spiritualistischer Destillate“ gelitten haben mag.

Es wird im Laufe der Zeit nicht leichter. Gestandene Dienstgrade werden für Lappalien von ihm coram publico „runtergemacht“. Es bereitet ihm Freude, besonders vor jungen Offizieranwärtern, “alte Hasen”, die mehr als einmal durch ihren selbstlosen und unermüdlichen Einsatz für den Verband zu besten Nato-Überprüfungsergebnissen beitrugen, boshaft und zynisch vorzuführen. Seine Verabschiedungsreden versprühen unverschämteste Spitzfindigkeiten, offenkundigen Spott und Hochmut. Ich bin oft anwesend, schäme mich zutiefst für seine Worte und irgendwann bin ich an dem Punkt, da ich mich bei den Kameraden entschuldige. Ich entschuldige mich für meine Anwesenheit während dieser unehrenhaften und unanständigen Reden dieses Menschen! Heute denke ich, erste Symptome eines Überlegenheitskomplexes bei ihm erkannt zu haben. Unter seiner Donnerhall & Schwertgeklirr-Führung wird es immer unangenehmer. Nein, entsetzlich unangenehmer! Seine überzogene Ausübung von Autorität und Macht entbehrt jeglicher Objektivität und Anstand.

„Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.“ (Albert Schweitzer) – Das einzig Wichtige ist dann der Tag, an dem er geht. Seine Spuren würde ich gern verwischen und “seine Liebe” werden wir lange und erfolglos suchen. Wir „feiern“ seinen Abschied am 11. September. Auch ich bin bester Stimmung. Erleichtert, dass er geht. Ich werde bestimmt nicht “Auf Wiedersehen” sagen. – Und keiner ahnt etwas von dem arglistigsten und menschenverachtensten Verbrechen, das die Welt noch heute erschüttern wird.

Ein junger Offizier schaltet plötzlich in einem Nebenraum das Fernsehgerät ein. Die Bilder zeigen immer wieder den United-Airlines-Flug Nr. 175 und wie der Jet des Typs Boeing 767 in den Südturm des World Trade Centers in New York gelenkt wird. Grenzenloses Entsetzen. Fassungslosigkeit. Mann und Frau halten sich vor Schreck die Hände vor den Mund. Totenstille. – Dann steht er lärmend und schwankend in der Tür. Ich werde seine charakterlos gelallten Worte niemals vergessen, aber erspare sie uns jetzt. Unbeeindruckt und teilnahmslos ruft er selbstherrlich nach seinem ebenfalls stark bezechten Famulus. Beide torkeln an die Bar.

Ich zweifle augenblicklich an den Worten des österreichischen Arztes und Begründers der Individualpsychologie Alfred Adler (1870-1937): „Der Mensch ist von Natur aus nicht böse. Was auch ein Mensch an Verfehlungen begangen haben mag, verführt durch seine irrtümliche Meinung vom Leben, es braucht ihn nicht zu bedrücken; er kann sich ändern. Er ist frei, glücklich zu sein und andere zu erfreuen.“

Ich kann es nicht wissen, dass dieser rohe Vorgesetzte schon bald seinen Meister finden wird. Einen Meister, der ihm beherzt entgegen und kräftig auf die Füße tritt, der ihn konsequent zur Verantwortung zieht. – “Keine Schuld ist dringender, als die, Dank zu sagen.” (Marcus Tullius Cicero)

„Rächet euch selber nicht, meine Liebsten, sondern gebet Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.““ (Römer 12, 19)

Alle Jahre wieder

oder: Eine etwas andere Weihnachtsfeier

Alle Jahre wieder: Jahresabschlussfeier. Termine werden abgesprochen, Ehemalige eingeladen, das (Truppen-)Küchenpersonal „bei Laune gehalten“, Dekorationsmaterial besorgt und dann decken wir “mal eben schnell” die Tische für die erwartete 80 bis 90 Köpfe zählende Gesellschaft ein.

Weiße Tischdecken werden ausgerollt, Tannengrün auf den Tischen drapiert und einige Süßigkeiten locker über die Tafel verteilt. Ein festliches Menü, das in demokratischer Wahl ausgewählt wurde, köchelt dem Ende seiner Garzeit entgegen. Der Chef hält seine obligatorische Weihnachtsansprache, Förmliche Anerkennungen und Bestpreise werden verteilt, das Essen serviert und irgendwann begibt sich die illustre Gesellschaft in die weihnachtlich geschmückte Staffelbar, um hier bei geistigen Getränken, alkoholfreien Erfrischungen und einer frisch gezapften Hopfenkaltschale die Räuberpistolen aus dem täglichen Dienstbetrieb und von den zahllosen Einsatz- und Verlegeübungen des nun fast vergangenen Jahres zum Besten zu geben.

Nach dem 2., 3., 4. Charly oder dem einen und anderem Bier setzen sie ebenfalls ein, diese “Was-ich-schon-immer-einmal-sagen-wollte-Gespräche”. – So läuft es jedes Jahr.

Ich erwähnte es bereits: das auch in diesem Jahr einmal mehr gelungene Weihnachtsessen ist beendet, “Orden und Ehrenzeichen” sind vergeben, Sonderurlaub und Bestpreise an den Mann (und die Frau) gebracht. “Der Tross” setzt sich in Bewegung. Ziel: der “Absacker” in der Staffelbar.

Als verantwortungsvoller Organisator der Jahresabschlussfeier „mache ich mir einen Kopf“, um fast alle Eventualitäten und beschaffe natürlich auch Getränke, Knabbereien und “Leckerlis” beim Heimbetriebleiter (HBL) der Liegenschaft. So ist es vorgeschrieben. Nicht allein die umfangreiche Vorschriftenlage, nein, auch der Anstand und Takt gebieten eine Bestellung beim HBL. Also, schnell die flüssigen Waren aus der Kühlung geholt, flugs auf einen Rollwagen geladen und mit Hilfe der stets unaufgeforderten Helfer, ab damit ins “Zentrum der Weihnachtsfeier”.

In eine verlassene Staffelbar. In verwaiste Räumlichkeiten. Kein Mensch ist da! Wo steckt “die Bande”? Die wollen mich “auf den Arm nehmen”, oder? Nein, tatsächlich, keiner ist mehr auffindbar und an diesem Abend wird auch niemand mehr eintreffen. – “Dies ist die Nacht, da mir erschienen” [Ein Weihnachtslied von Kaspar Friedrich Nachtenhöfer (1684)]

Was ist geschehen? – Später erfahre ich meines Rätsels Lösung: die informellen Führer, die bevorzugt „aus der zweiten Reihe schießen“ und sich sofort “verdünnisieren”, wenn es heikel wird, entdecken zwei einsam abgestellte Kisten Bier unter dem Tresen. In ihrer unendlichen Einfältigkeit wird diese Erkenntnis sofort und lauthals verkündet. – „Was, zwei lauwarme Kisten Bier für eine Jahresabschlussfeier und 85 durstige Heldinnen und Helden? Ein Ding der Unmöglichkeit! Ja, eine Frechheit! Sofortiger Rückzug!” – “Der Feind steht im eigenen Lager.” (Karl Liebknecht (1871 – 1919))

Tatsächlich schaffen es diese charakterlosen Agitatoren und „Brunnenvergifter“, die Weihnachtsfeier zu sprengen. Meine verlässlichen Helfer und ich bringen dem Heimbetriebsleiter die georderten Waren zurück, trinken bei ihm ein frisch gezapftes Pils und zur “Verdauung” einen Magenbitter a posteriori. Wir verabschieden uns und tags darauf erfahre ich, dass die “wahre Jahresabschlussfeier” an diesem Abend in Halle 13 zelebriert worden war.

Ich verzichte darauf, über Kameradschaft, Eintracht, Gemeinschaft und Loyalität zu philosophieren. – „O, du fröhliche, o, du selige …”

Neulich vor 24 Jahren

“Wenn du im Recht bist, kannst du dir leisten, die Ruhe zu bewahren; und wenn du im Unrecht bist, kannst du dir nicht leisten, sie zu verlieren.” – Mahatma Gandhi

Wie kommt es, dass ich nach 24 Jahren plötzlich an eines dieser zahlreichen “Schlüsselerlebnisse” bei den “24ern” in Elsfleth-Lienen/Landkreis Wesermarsch denken muss? Sicherlich, weil es sich im November, heute schreiben wir den 30. November, bei der 1./Flugabwehrraketengruppe 24, und vor 24 Jahren ereignete.

Große Zusammenkunft im Unterrichtsraum, Block B. Hektische Betriebsamkeit auf dem oberen Flur und vor meinem Dienstzimmer. Ich habe noch schnell “eine Bohne aufgesetzt” und es dauert nicht lange, da orten bereits zwei, drei Kameraden das Aroma “des brasilianischen Erfrischungsgetränks”. In trauter Runde sitzen wir und trinken einen Kaffee.

Etwas anders als erwartet wird sie verlaufen, die “große Runde” im U-Raum. Geht´s um Weihnachten, Neujahr, Silvester? Gleich zwei Staffelchefs und -feldwebel sind mit von der Partie. Ungewohnt für eine der üblichen Dienstbesprechungen.

Ja, es geht um Heiligabend, die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel. Es geht um die zu besetzenden Wachdienste. Braucht man dafür Chefs und “Spieße”? Ja, “24er” brauchen “Führung”! Flugs wirft der eben noch meinen Kaffee trinkende Kamerad M. eine Folie an die Leinwand: Dienstbelastung der Offiziere vom Wachdienst im Jahr 1991. Unter den Top 10 finden ich mich wieder. Exakt auf Platz 1. Der Pole Position für “Drückeberger”.

Nach meiner Zuversetzung hatte ich mich, wie alle anderen, stets im Geschäftszimmer zur Wachdienstvergabe gemeldet und war stets durch den Geschäftszimmerunteroffizier darauf aufmerksam gemacht worden, dass ich auf Grund meines Dienstalters keine Wachdienste verrichten solle. Es gäbe ausreichend jüngere Interessenten, denen daran gelegen sei, durch mehrgeleisteten Dienst das eine und andere lange Wochenende zu “erdienen”. – “Nein, wirklich, es ist nicht erforderlich, dass …”

Und nun bin ich “Numero Uno!”, sitze inmitten einer hämisch grinsenden Versammlung treu dienender Kameraden und werde gegen alle Regeln der Inneren Führung “vorgeführt”. Zu allem Überfluss melden sich gerade die “Spezialisten” zu Wort, die nicht gerade durch überzeugendes Engagement und produktiven Ideenreichtum im täglichen Dienstbetrieb glänzen. Dafür schweigen die Loyalen. Zumindest hielt ich sie bis dato dafür.

Ich schildere den Sachverhalt aus meiner Sicht, melde mich bei meinem Disziplinarvorgesetzten ab und finde mich später für den Wachdienst am 31. Dezember 1991 “auserkoren”. – Nun ist es nicht der besondere Tag oder der Dienst als solcher, der mich ärgert. Ich bin Berufssoldat und wusste, auf was ich mich einlasse, als ich “den Vertrag” unterschrieb. Es sind die Einfältigkeit der Kameraden und die Sprachlosigkeit “der Führung”, die mich auch heute noch für einen winzigen Augenblick so enttäuscht. – Ja, der November kann schon ein dunkler Monat sein.

Von oben herab

Eigentlich war ich (für Thomas B. vom Niederrhein) auf der Suche nach einem Spielplan des Truppenkinos auf dem ehemaligen Oldenburger Fliegerhorst. Doch dann fielen mir Luftaufnahmen in die Hände, die ich 2006 aus einer Kreisstadt westlich der bayrischen Landeshauptstadt erhielt.

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Aus der linken unteren Bildecke verläuft die Alexanderstraße in die Bildmitte am oberen Bildrand. Dort befindet sich die Hauptwache. Von dort geht es (schräg rechts nach unten) in Richtung Stabsgebäude mit den beiden Tennisplätzen.

Also gibt es heute drei Ausschnitte aus diesen Luftaufnahmen, die ich anfangs in die Zeit “Royal Airforce (RAF) in Oldenburg” datieren wollte. Doch da passt so einiges nicht. Vermutlich entstanden die Aufnahmen in den frühen 1960er Jahren. Warum? Beide Tennisplätze am Stabsgebäude sind noch in Betrieb. Die 1952 erbaute “Villa Wehnelt” steht bereits an ihrem Platz. Das Werkstattgebäude (Geb. 57) der Standortverwaltung (Betriebsgruppe), das 1966 errichtet wurde, fehlt auf den Aufnahmen. Es befindet sich später in dem “Dreieck Hauptwache/Stabsgebäude/Fernschreibstelle”.

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MAP noch unbewaldet. Keine Shelter (Lfz-Schutzbauten) weit und breit und ein Teil des landwirtschaftlichen Anwesens E. wurde noch nicht vom Fliegerhorst “geschluckt”.

“Der Unterschied zwischen Gott und den Historikern besteht hauptsächlich darin, dass Gott die Vergangenheit nicht mehr ändern kann.” – Samuel Butler

… und noch ein “Butler”: „Alle Lebewesen außer den Menschen wissen, dass der Hauptzweck des Lebens darin besteht, es zu genießen.“  💡