Campen vor der Haustür

Kurzentschlossen brechen wir auf. Der “Fliegende Holländer” steht für diesen Fall wie gewohnt komplett aufgerüstet und startklar bereit. Wir wollen zu einem Komfort- und Bungalowpark an einem großen See mit Bademöglichkeit im Herzen Ostfrieslands. Also, auf ans Tor zur Nordsee.

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Die freundliche  Stimme unserer elektronischen und satellitengestützten Reiseleitung will uns auf kühnen Wegen an den Nordgeorgsfehn- und den Großefehnkanal führen. Wir ignorieren sie und fahren auf der Grünen Küstenstraße und der Deutschen Fehnroute in Richtung des staatlich anerkannten Lufterholungsortes.

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Hätten wir auf die freundliche Navi-Dame gehört, wäre er uns entgangen, dieser Ritter der Landstraße. Etwas „fließender“ als 80 Km/h fahrend, habe ich ihn im Rückspiegel: einen in Flecktarn (Farbgebung “Winter”) lackierten Audi, diese Synthese aus kompromissloser Performance und Alltagstauglichkeit, mit einem blau beplanten Anhänger, der in etwa die Ausmaße eines mittleren Möbelwagens besitzt, im Schlepp. Ein tiefes Grollen kündigt das Modell aus der ABT-Schmiede an. Dann ist es auch schon, plane- und spriegelklappernd, an uns vorbei, reiht sich „kompromisslos“ ein und fährt gemeinsam vor und mit uns “in alltagstauglichem Tempo” in den Lufterholungsort ein. „Neues beginnt, wo Grenzen enden.“ (Werbeslogan Audi). Der gemeinsame Ampelstopp an der Kreuzung Oldenburger -/Hauptstraße, wir haben „den ABT“ inzwischen in der freien Linksabbiegerspur “hinter uns gelassen”, veranlasst den Fahrer noch einmal zu einer dezibelgeladenen Demonstration der von mir geschätzten 427,31 PS seines Hochleistungsfahrzeugs. Tja, und das war´s dann auch. Vielleicht erreicht auch er sein heutiges Ziel. Wir wünschen es ihm von ganzem Herzen und mit maximalem Drehmoment.

Wir sind angekommen. Der Campingplatz am Ottermeer liegt vor uns. Die Wagenburg wird in der Nähe des künstlich angelegten Sees errichtet und ab sofort heißt es: “Wochenende!” Mutterseelenallein stehen wir in der “Sektion K”. Luna hat inzwischen ihren Reviergang abgeschlossen, die zahlreichen Wildkaninchen, die bis jetzt gesellig in einer Kolonie umher hoppelten, sind durch die abrupte Veränderung ihres Sicherheitsumfeldes in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Das Rotkelchen nimmt uns wahr und kümmert sich unbeirrt und standhaft um die Fütterung seiner Jungen.

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Eigentlich wollen wir den nächstgelegenen örtlichen Italiener an diesem Abend besuchen, aber Flora und Fauna setzen sich gegen leckere Antipasti, Carpaccio, den italienischen Vorspeisen Klassiker, Pizza, Pasta und Parmaschinken durch.

Nun fehlt uns ein Pfund Brot. Die freundliche Dame im ansonsten wohlsortierten Kiosk hat leider nur noch Zwieback und Knäckebrot in ihrem Regal. Schnell ins Auto und im nächsten Discounter für Nachschub gesorgt. Der staatlich anerkannte Lufterholungsort verfügt über eine sehr gut ausgebaute Durchgangsstraße mit einer in Grau gehaltenen mittleren Abbiegespur, die zu wählen ich während meiner Entscheidungsfindung, welche Einfahrt zum Verbrauchermarkt ich nutzen könne, gedankenlos vergesse. Wild hupend macht mich der lokale, „übermütige“ Verkehrsdepp darauf aufmerksam. Dankbar grüße ich zurück, glaube eine gewisse Ähnlichkeit zum bereits erwähnten ABT-Fahrer zu entdecken, und erledige meine Besorgungen. Natürlich kann ich die original nach dem bayrischen Reinheitsgebot gebraute Bierspezialität mit dem Mönch auf dem Etikett nicht links liegen lassen und befreie vier halbe Liter prächtiger Braukunst aus der Tristesse des Bierregals. So, nun aber zurück ans Ottermeer.

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Gesellschaftspiel ist angesagt: Kniffeln. Ich und Spielen! Zwei Welten prallen aufeinander! Gnadenlos spiele ich meinen „Heimvorteil“ aus und gewinne an diesem Abend. Die beste Ehefrau von allen kennt dieses Würfelspiel nicht und so habe ich wenigstens heute den Hauch einer Chance.

„Es kommt ein neuer Morgen, es kommt ein neuer Tag.“ (Ein Titel der Iserlohner Pop-Rock-Band Luxuslärm (auch: LXSLRM)). – Erst denke ich an die preußische T9.3 (Anm.: EineTenderdampflok, die sowohl im Personenzug-, als auch im Güterzugverkehr verwendet wurde) der Museumsbahnen Schönberger Strand, wie diese durch Wiesen und Felder schnauft. Doch es ist einer der zahlreichen Jogger, der beängstigend geräuschvoll und dadurch weithin vernehmbar, das Ottermeer umrundet oder treffender “umtaumelt”. – „Nein, liebe Zuschauer, das ist keine Zeitlupe, der läuft wirklich so langsam.“ (Werner Hansch, Sportreporter)

An diesem Sonntag bekommt das Ottermeer viele Besucher. Sie treten vereinzelt, in Gruppen oder paarweise oder mit “Kind & Kegel” als Spaziergänger, Sportlerinnen und Sportler, Radler oder Hunde-Gassi-Geher auf. “Es gibt am ganzen Ottermeer nur leider keine Otter mehr.” Ob es an der intensiven Völkerwanderung liegt oder die Vertreter der amphibisch lebenden Unterfamilie der Marder hier ohnehin niemals heimisch war, wer weiß es schon? Auf alle Fälle ist es ein schönes Fleckchen Erde!

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„Tag  der offenen Tür“ im Camping- und Bungalowpark. Ein Aussteller aus dem Großraum Aurich stellt Wohnwagen und -mobile aus. Wir sind präsent und entdecken unseren Favoriten. Nein, nicht den Verkäufer, einen LMC Münsterland in exakt der Ausführung, wie wir sie brauchen (könnten). Ich schreibe dies sehr leise, denn ich habe die Befürchtung, unsere „Fliegender Holländer“ könnte von dieser Begegnung und unseren Gedanken „Wind bekommen“. Nein, das wollen wir nun ganz und gar nicht. Schließlich sind wir noch in der Wohnwagen-Testphase und bisher sehr zufrieden mit dem “Flying Dutchman”! Obwohl …

„Da haben die mal einen größeren Wohnwagen am Haken und schon denken sie, ihnen gehört die Straße!“ – Uih! Beunruhigende, ja unheilschwangere Worte aus dem Mund eines erkennbaren Wohnmobilisten. „Die sollte man doch gleich rechts ran winken und abkassieren. Was DIE sich so erlauben! Die glauben doch, sie sind die Kapitäne der Landstraße.“ – Tag der offenen Tür? Oder: Tag des losen Mundwerkes? Für einen bereits getätigten ausgiebigen Frühschoppen war es, auch für diesen Herrn, wirklich noch zu früh, oder? Doch er meint es tatsächlich genauso, wie er es volltönend sagt. Und er sagt es mehrmals. Wir verzichteten auf einen weiteren Rundgang inkl. Beschallung, nehmen uns einen Prospekt, vereinbaren mit dem Verkäufer einen Besuchstermin im Freizeit- und Caravanzentrum und lassen den anmaßenden und unbeherrschten Wort- und Campingfahrzeugführer allein. Ein Problem bleibt: „Wie erklären wir unserem „Fliegenden Holländer“ die geplante Fahrt ins „Störtebekerland“ nach Großheide?“ Ich denke, wir werden über das Gespräch von Ruhe, Entspannung und Erholung in Ostfriesland „die Kurve kriegen“.

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Tja, und damit scheint unser nächstes Ziel bereits ausgewählt zu sein. Auf den Spuren von Klaus Störtebeker alias Klaas Störtebecker alias Claas Störtebeker alias Nikolaus Storzenbecher, dem Seeräuber und einem der Anführer der Likedeeler bzw. Vitalienbrüder könnte es ins Ostfriesische gehen.

Ein Gedanke zu „Campen vor der Haustür“

  1. Hast Du nicht beim Bund den Dauerkniffelrekord aufgestellt? 🙂

    Mir ist so, als hätte ich da auf einer leider schon lange abgeschalteten Website mal was gelesen, das man in dieser Richtung deuten konnte ….

    Beste Grüße
    Jens

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